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COMPACT-Magazin 10-2016

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«Das ist

«Das ist Genickschuss-Journalismus» _ Arne Fischer im Gespräch mit Peter Bartels 46 Wahnsinn: Deutschlands größte Zeitung wird jetzt von einer Frau geleitet. Doch Tanit Koch wird den Absturz der «Bild» nicht aufhalten können: Sie hat alles von ihrem Vorgänger Kai Diekmann gelernt – also nichts außer der Beleidigung der eigenen Leserschaft. Tanit Koch arbeitete ab 2007 als Büroleiterin bei Kai Dieckmann. Jetzt beerbte sie ihn auf dem Chefsessel. Foto: Montage COMPACT, Axel Springer SE «Das Kaischi hält sich leider auch für schlau.»Peter Bartels Seit 1. Januar 2016 ist Tanit Koch Chefredakteurin der «Bild». Was macht sie anders? Sie hat nach ein paar Wochen Amtszeit die Seite eins graphisch ein bisschen verändert. Auch die Seite zwei. Ansonsten scheint sie nach der Maxime zu verfahren, die sie mal in einem Dreier-Plausch inbrünstig hauchte, den Kai Diekmann – genannt Kaischi – «zufällig» mitschnitt und danach generös dem früheren Top-Mediendienst Kress zur gefälligen Sensation freigab; an dem Dreier nahmen Online-Chef Julian Reichelt und Ihre Gnaden Kaischi himself teil. Reichelt jubilierte, dass er es toll finde, bei Bild eigentlich ein Linker sein zu dürfen. Und Tanit flötete: «Alles, was ich im Journalismus gelernt habe, habe ich von Kai gelernt.» Da wird selbst ein alter Sack wie unsereins noch schamrot: Wenn die leitende Journalistin der immer noch größten Zeitung Deutschlands – auch wenn diese mit nur noch 1,8 Millionen von einst fünf Millionen schon so schrecklich klein geworden ist – sagt, sie hat alles, was sie kann, von einem gelernt, der das Blatt kaputt gemacht hat – was soll man da noch sagen? Selbst wenn die Spucke nach einer Schrecksekunde wieder da ist? Friede denkt, Döpfi lenkt Wer entscheidet eigentlich über die Besetzung des Chefredakteur-Postens bei Springer? Der Vorstandsvorsitzende schlägt vor, der Verleger nickt ab – oder nicht. Der Bild-Chefredakteur ist immer Verleger-Sache gewesen. Und zu Axel Springers Zeiten hat der damalige Vorstandsvorsitzende Peter Tamm garantiert nicht jeden Chefredakteur durchgekriegt. Aber dann war Springer ja tot. Und Peter Tamm hat entschieden. Tamm war ein Starker, Witwe Friede – damals – eine Schwache. Ein hübsches, liebes, ziemlich bescheidenes Mädchen mit Abi halt. Und Friede wollte endlich Frieden im Haus… Also wird der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, der ihr einst versprach, aus «Geist Geld» zu machen, 2015 seiner Verlegerin gesagt haben: «Die Idee mit Tanit Koch ist genial!» Klar: Wir haben eine Frau Kanzlerin, eine Frau Verteidigungsministerin, eine Frau Verlegerin – warum also nicht eine Frau Bild-Chefredakteurin! Die BamS hatte ja schon eine… Jetzt ist Diekmann nur noch Herausgeber der «Bild». Wird jetzt alles gut? Die ersten zwei Quartale, das erste halbe Jahr jedenfalls nicht. Die Auflage stürzt weiter, immer schneller offenbar. Womit sollte sie auch steigen? Weil Tanit ein bisschen graphische Kosmetik macht? Weil sie ab und zu wieder einen tapferen Ralf Schuler kommentieren lässt, der 20 Jahre DDR überlebt hat? Und weil

COMPACT Dossier sie ansonsten, assistiert von Ober- und Neben-Chef, mal eine Interview-Doppelseite mit Honeckers Musterschülerin Muttchen Merkel bringt, Neuigkeitswert null Komma null?! Trotzdem, Diekmann muss sich doch etwas davon versprochen haben, dass er sich nach 15 Jahren ablösen ließ… Das Kaischi ist nicht nur eitel, vom Ajatollah-Zickenbart bis zur schicken, teuren Löcher-Jeans, er hält sich leider auch für schlau: Natürlich wusste er schon Mitte 2015, wie das Jahr enden würde. Ein Chefredakteur weiß lange vor dem Branchendienst IVW, wie die Zahlen am Quartals- und Jahresende sein werden; er kriegt sie ja jede Woche von seinem Vertrieb! Und da er schon zwei Schallmauern nach unten durchbrochen hatte – von vier auf drei Millionen und von drei auf zwei – wollte er die unweigerliche Zwei-Millionen-Schallmauer nicht auch noch als Stuka-Chef durchbrechen. Tanit denkt, was Kaischi denkt Diesen traurigen Rekord wollte er ausgerechnet einer Frau in die Schühchen schieben, die ihn beruflich so anhimmelt? Nicht «ausgerechnet» einer Frau – «gerade» einer Frau! Er dachte sich wahrscheinlich: Wenn ich eine Frau zur ersten Chefredakteurin mache, ist das so «epochal» wie die erste Kanzlerin. Da redet erst mal keiner mehr über die Auflagen-Katastrophe. Wenn es dann um die Bewertung meiner 15 Jahre geht, kommt keiner vom Mainstream an dieser meiner Lanze vorbei, die ich für die Frauenbewegung gebrochen habe… Und der Trick hat funktioniert? Er hat! Googeln Sie mal! Hier und da wurde ein bisschen von der sinkenden Auflage gebrummelt, auch mal der Bild-Totengräber selbst angemosert, ansonsten stürzte sich der Mainstream eben nicht auf die Auflagen-Katastrophe und den Scherbenhaufen, den Diekmann angerichtet hat, sondern alle jubelten in Ehrfurcht: «Eine Frau, guckst Du, Alice Schwarzer! Staunst Du, Jutta Ditfurth. Wenn dass der Wallraff noch erleben könnte. Bei Springer!» Aber Tanit Koch hat doch ihr Handwerk gelernt? Die hübsche und angeblich auch kluge Dame hat in der Journalisten-Schule von Axel Springer gelernt. Sie hat sich durch verschiedene Abteilungen und Blätter des Hauses geschnuppert. Aber sie war meines Wissens weder Polizeireporter noch Kriegsberichterstatter noch Show- oder Society-Hunter, Polit-Korrespondent oder Redakteur, nirgendwo, weder bei der FAZ noch beim Express. Sie war halt zwei Jahre sogenannte Büroleiterin von Kaischi Diekmann! Warum soll sie von wem und woher irgendwas wissen? Außer, was sie in der Schule, an der Uni womöglich gelernt hat? Woher soll sie wissen, wie Bild-Leser leben, lachen, weinen? Tanit kommt aus einer anderen Welt. Nicht nur, weil sie Tanit heißt… Aber Kai Diekmann ist doch immer noch da, firmiert als Herausgeber, hört sich wichtig und hilfreich an… Ist auch wichtig, weil sich nichts geändert hat, sich nichts ändern kann. Er sitzt in der Etappe, kassiert die große Kohle und tut so, als sei er nicht da. Fakt ist, dass er da ist, wo die Redakteure sind. Die Chefredakteurin ist doch im Kopf nie allein. Er sitzt nur eine Tür weiter oder eine Etage höher. Und dann kommt er womöglich noch gravitätisch anstolziert: «Ich habe hier einen Interview-Termin mit Putin!» Und dann wird es ein halbwegs arschkriecherisches Interview mit dem angeblichen Potentaten Putin, den sie ansonsten von 255 Seiten für 19,95 Euro. ISBN: 3864452821 Foto: Kopp Verlag Putin weiß mehr von Deutschland als die Hälfte der «Bild»-Redakteure zusammen. Die Redaktionen im Berliner Axel- Springer-Hochhaus arbeiten wie an Fließbändern. Foto: Ralf Roletschek, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons _ Peter Bartels ist seit 50 Jahren Journalist und war 17 Jahre bei «Bild». 1974 wurde er Unterhaltungschef in der Hamburger Zentralredaktion und begann seinen Aufstieg im Springer-Konzern. Von 1989 bis 1991 war er zusammen mit Hans- Hermann Tiedje Chefredakteur von «Bild» – in der spannenden Zeit der Wiedervereinigung, als das Blatt noch fünf Millionen Auflage hatte. Im Frühjahr ist sein Buch «Bild – Ex-Chefredakteur enthüllt die Wahrheit über den Niedergang einer einst großen Zeitung» erschienen. 47

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