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COMPACT-Magazin 10-2016

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COMPACT Leben Wenn Hollywood von Demokratie träumt _ von Harald Harzheim In den USA ist der Rechtsstaat noch intakt, korrupte Politiker können gestoppt werden: Diesen Mythos verbreitet die Traumfabrik seit Anbeginn. Anflüge von Pessimismus und Selbsterkenntnis brachen sich nur kurzzeitig Bahn. Mr. Smith geht nach Washington (1939). Ein Jahr später bemühte sich das deutsche Propagandaministerium um die Aufführungsrechte, da sich der Film über den Parlamentarismus in den USA lustig mache. Das Vorhaben scheiterte, und der Streifen wurde erst 1977 synchronisiert. Foto: Columbia Pictures, Irving Lippman Schweiß bedeckt das eingefallene Gesicht. Die Augenlider lasten schwer. Seine Haare zerwühlt, der Gang gebückt. Gang? Nein, er stolpert nur noch. Die Augen verraten grenzenlose Erschöpfung. Mit heiserer Stimme flüstert er: Auch wenn die Mächtigen mit Panzern kommen, «irgendeiner wird mich hören… Irgendwer.» Dann sinkt er zu Boden… 24 Stunden lang hatte Jefferson Smith nonstop geredet, den Senat von Washington zu überzeugen versucht. Um Zeit zu schinden, las er Gesetze vor. Jetzt bricht er zusammen, fällt bewusstlos in den Stapel von Briefen, die man gegen ihn gesammelt hatte. Es scheint, dass Macht und Korruption einfach nicht zu besiegen sind… Monate zuvor hatte man ihn, den arglos-naiven Pfadfinder, zum Senator ernannt und nach Washington geholt, weil man glaubte, er sei leicht zu lenken. Bei seiner Ankunft verlachten Medien und Politiker ihn ob seiner Gutgläubigkeit. Aber Smith beginnt zu kämpfen – gegen Korruption, gegen sinnlose Steuervergeudung. Natürlich schlagen die Mächtigen zurück. Medienboykott, Schikane, gefälschte Dokumente drohen ihn zu brechen. Erst im Showdown, nach der alle Kraft verzehrenden Marathonrede, dreht sich der Wind: Als man den Bewusstlosen hinausträgt, erklärt sein Kontrahent Senator Paine die Kapitulation. Smiths unbeirrbarer Glaube an Mensch und Land hat ihn bekehrt. Im Diskurskino Mr. Smith geht nach Washington (1939) ist der Klassiker des amerikanischen Demokratiefilms. Damit bezeichnen wir Streifen, die der US-Variante der Demokratie als guter oder bestmöglicher Staatsform huldigen. An Mr. Smith lassen sich die Regeln dieser Filme ableiten: Sie behaupten nicht, dass US-Institutionen per se bürgerfreundlich sind. Im Gegenteil zeigt Mr. Smith gerade deren Korrumpierbarkeit. Aber sie bieten eine einzigartige Chance: Jeder, sogar ein kleiner Träumer wie Jefferson Smith, kann nach oben gelangen und die Politik zum Besseren wenden. Demokratische Institutionen sind keine Versicherung, sondern Im Demokratiekino findet der Showdown als Rededuell statt. 51

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