Aufrufe
vor 10 Monaten

COMPACT-Magazin 11-2016

  • Text
  • Compact
  • Deutschen
  • Deutsche
  • Menschen
  • Deutschland
  • Milliarden
  • Clinton
  • Millionen
  • Politik
  • Oktober

COMPACT

COMPACT Titelthema De facto wurden derartige Strafzahlungen bereits eingeführt: Über die Hintertür von Gebührenerhöhungen – gerechtfertigt als Ausgleich für die Banken, um ihre niedrigeren Zinserträge zu kompensieren. Seit Sommer greifen die Geldhäuser ihren Kunden hier besonders tief in die Tasche, wie eine Auswertung der FMH-Finanzberatung zeigt. Von 61 untersuchten Banken erhöhten sechs die Kontoführungsgebühren, etwa die Hypovereinsbank und die Sparkasse Leipzig. Sieben Geldhäuser, etwa die Sparda-Bank Hamburg, verlangen jetzt Geld für EC- Karten, ebenso viele für Überweisungen auf Papier. Fünf Unternehmen kassieren selbst für Transaktionen am Automaten – jeweils zwischen 50 Cent und 1,90 Euro. Die Gebühren für Kreditkarten erhöhten sich bei 19 Instituten. Bargeldverbot Knapp 400 Demonstranten protestierten Mitte Mai gegen die Abschaffung des Bargeldes. Die Initiativen Pro Bargeld und Stop Bargeldverbot hatten dazu nach Frankfurt eingeladen. Foto: Screenshot ARD was bei Vertragsabschluss noch erwartet wurde», erklärte bereits 2014 der damalige Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain. Der Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, machte aus der Dramatik der Entwicklung keinen Hehl. «Die Niedrigzinspolitik entwickelt sich zur Schicksalsfrage für Generationen: Sie zerstört das Fundament für einen sicheren Ruhestand von Millionen Menschen in Europa.» Insbesondere die 2002 von Rot-Grün eingeführte Riester-Rente erwies sich als regelrechter Flopp. CSU-Chef Horst Seehofer hält das Modell für «gescheitert» und will sie abschaffen, die Kanzlerin blockt. Den Schaden haben jene 16,5 Millionen Deutschen, die bislang einen Riestervertrag abgeschlossen haben. Die große Abzocke Bislang scheitert der große Raubzug auf die Konten jedoch an einem offenen Schlupfloch für die Sparer: Statt bei der Bank lässt sich das eigene Geld auch unter der sprichwörtlichen Matratze aufbewahren. Erst mit dem Aus für Münzen und Scheine wären die Deutschen der Willkür der Bankster völlig ausgeliefert. Die Schweizer Nationalbank «hat deshalb Banken auch schon empfohlen, mit Bargeldnachfragen (…) restriktiv umzugehen», hieß es in einer Erklärung der Berner Währungshüter – bezogen jedoch zunächst nur auf Großkunden. Zumindest auffallend ist, dass sich parallel zum Sinkflug der Zinsen immer mehr Ökonomen für ein Ende des Bargeldes aussprechen. Etwa der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, der frühere Chefökonom der US-geführten Weltbank Larry Summers, der Exekutivdirektor der Bank von England Andrew Haldane oder der einflussreiche US- Volkswirt Paul Krugman. Offiziell argumentieren sie zumeist, Bargeld würde die Finanzierung von Terrorismus erleichtern und Kriminalität wie Steuerhinterziehungen begünstigen. 12 Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Foto: Armin Kübelbeck, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons Man könnte einwenden: Selbst wenn die Spareinlagen nicht mehr wachsen, so schrumpfen sie doch zumindest nicht. Wer 1.000 Euro eingezahlt hat, könne später immer noch 1.000 Euro abheben. Aber auch bei diesem bisher ehernen Gesetz legten Euroretter und Finanzindustrie die Axt an. Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon, wollte im April Negativzinsen für Sparer auf längere Sicht nicht mehr ausschließen. Inzwischen macht das erste Geldhaus ernst: Die Volksbank Stendal verlangte im Oktober von ihren Tagesgeld-Kunden ab einer Anlagesumme von 100.000 Euro einen Negativzins von minus 0,4 Prozent. «Die Politik der negativen Realzinsen läuft auf eine gigantische Enteignung der deutschen Sparer hinaus», sagte Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel, schon 2013. «Wenn die Blase platzt, rutschen wir in eine Depression.» Gertrud Traud Tatsächlich ließe sich ein schnelles Bargeldverbot wohl politisch nicht durchsetzen. Insbesondere in Deutschland, wo 2015 nach Angaben der Bundesbank (BuBa) weiterhin 79 Prozent aller Transaktionen bar erfolgten. Doch auch hier setzen Banken und Politik erkennbar auf eine Salamitaktik. In Großbritannien, Italien, Spanien und Griechenland gelten Obergrenzen für Abhebungen. In Deutschland wurde eine solche Kappungsgrenze von 5.000 Euro zumindest bereits diskutiert. Zudem beschloss die EZB die Ab-

COMPACT Titelthema schaffung des 500-Euro-Scheins. Geht es nach dem Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, ist dies erst der Anfang. «Es bringt nicht viel, nur den 500er abzuschaffen, solange es noch 100er und 200er gibt», sagte er im September der Welt am Sonntag. Der Star-Ökonom hält auch Negativzinsen von fünf oder sechs Prozent für sinnvoll… Die nächste Blase Können deutsche Sparer ihr Geld durch Flucht in andere Anlageformen noch retten? Insbesondere Immobilien – das klassische Betongold – erscheinen wie ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Immerhin verbilligen die niedrigen Zinsen auch die Baukredite. Tatsächlich sparten Hausbesitzer seit Beginn der Finanzkrise nach Postbank-Berechnungen etwa 85 Milliarden Euro. Doch nach Ansicht der Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, Gertrud R. Traud, ist das Ende mit Schrecken bereits abzusehen. «Was wir erleben, ist eine Scheinblüte. Die Negativzinsen treiben die Anleger in Sachwerte, wodurch Blasen entstehen – etwa im Immobilienbereich, (…) und wenn die Blase platzt, rutschen wir in eine Depression», sagte sie im März den Deutschen Wirtschafts Nachrichten (siehe Infobox Seite 13). Die Schrottbanken-Rettung 100.000 Euro – dies ist die Maximalsumme, welche die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken dem Sparer im Falles einer Pleite seines Geldhauses garantiert. Überhaupt ist in der gesamten Eurozone die Einlagensicherung nationalstaatlich organisiert. Im Falle eines Crashs in einem anderen EU- Staat dürfte das deutsche System daher nicht mitgerissen werden – jedenfalls noch nicht. Forderungen nach einer länderübergreifenden Haftung sind in Wo die Deutschen ihr Geld anlegen 24 % 31 % 19 % 24 % 29 % 38 % 2014 2015 18 % 18 % 16 % 15 % den letzten Jahren leiser geworden. Doch offensichtlich wurde eine entsprechende Regelung hinter den Kulissen umso energischer vorangetrieben. Einen deutlichen Hinweis darauf gab der Festvortrag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zur Verabschiedung von Hans-Werner Sinn von der Spitze des Münchner Ifo-Instituts im Januar. «So spricht beispielsweise viel für eine gemeinsame Einlagensicherung in unserer Bankenunion. Aber alle Erfahrung spricht dagegen, mit der Vergemeinschaftung der Einlagensicherung zu beginnen, solange die zuvor zur Trennung von Banken- und Haushaltsrisiken vereinbarten – oder auch noch zu vereinbarenden – Schritte in vielen Mitgliedstaaten noch gar nicht gemacht sind.» Statt «nein» sagt das badische Schlitzohr also «ja, aber» – und öffnet damit ein Hintertürchen für einen neuen Rettungsschirm, den wohl wieder einmal der deutsche Steuerzahler berappen müsste. Das dicke Ende Schon für die bisherigen Euro-Rettungsschirme stehen über 700 Milliarden Euro an deutschen Garantiezusagen im Feuer – fast das Doppelte des Bundeshaushaltes. Weitere 715 Milliarden Euro betragen die Außenstände der Bundesbank im Zuge des sogenannten Target-Systems, über das notleidende Zentralbanken anderer EU-Staaten mit deutschen Liquiditätsspritzen flüssig gehalten werden. Selbstverständlich hat der deutsche Staat keinerlei Risikorückstellungen dafür vorgenommen, obwohl die BuBa bei einer entsprechenden Ausbuchung von über zwei Drittel ihrer Bilanzsumme schlagartig 150-fach überschuldet wäre und dann sofort aus Steuergeldern rekapitalisiert werden müsste. Bereits ein Staatsbankrott Griechenlands könnte die Lawine lostreten. Ob der Oma ihr klein‘ Häuschen dann noch zu retten ist? Immoblase und Mietenhoch Vor allem in Großstädten klettern seit mehreren Jahren die Immobilienpreise in zuvor ungekannte Höhen – und ziehen die Mieten in einigem Abstand mit. 2015 kletterte der Umsatz auf dem Wohnungs- und Häusermarkt in Deutschland erstmals über die Marke von 200 Milliarden Euro. In Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt stiegen die Kaufpreise 2015 doppelt so stark wie die Mieten – ein sicheres Zeichen für Überhitzung. «In immer mehr Regionen deutet der Anstieg der Preise für Wohnhäuser auf übersteigerte Preiserwartungen und damit auf die Gefahr einer Blase hin», warnte im August Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Das Forschungsinstitut Empirica sieht in acht von zwölf untersuchten Großstadtregionen sogar eine «eher hohe Blasengefahr». Baustelle Berlin. Foto: Herman, CC BY-SA 2.0, flickr. com Der Star-Ökonom hält Negativzinsen von fünf oder sechs Prozent für sinnvoll. Sparkonto Tagesgeld Fonds und Aktien Quelle: Bankenverband Festgeld Immobilien Grafik: COMPACT Banken gegen das Volk: Cover des Puck-Magazins (1910). J.P. Morgan raubt sein Vermögen zusammen – die Sparerin (unten links) darbt. Foto: Library of Congress 13

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf