Aufrufe
vor 9 Monaten

COMPACT-Magazin 11-2016

  • Text
  • Compact
  • Deutschen
  • Deutsche
  • Menschen
  • Deutschland
  • Milliarden
  • Clinton
  • Millionen
  • Politik
  • Oktober

COMPACT

COMPACT Titelthema Die Schlachtung des Trojanischen Pferdes _ von Jürgen Elsässer 14 Die Deutsche Bank ist seit zwei Jahrzehnten ein Instrument angloamerikanischer Finanzpolitik. Dass das Geldhaus jetzt dennoch aus Übersee attackiert wird, leitet eine neue Phase ein: Statt um Beherrschung geht es der Wall Street jetzt um Zerstörung unserer Wirtschaft. Die Zeche zahlt der Steuerzahler. Mainhatten: Auf der Liste der internationalen Finanzplätze rangiert Frankfurt am Main auf Rang 8. Foto: Christian Wolf, www.c-wdesign.de, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons Das «Degermanizing» soll weiter gehen – bis von Germany nichts mehr übrig ist. Der Fall war tief: Ende September stürzte der Kurs der Deutschen-Bank-Aktie zum ersten Mal unter zehn Euro – der niedrigste Wert seit 33 Jahren. Vor drei Jahren lag die Notierung noch bei über 30 Euro, dann begann das stetige Bröckeln. Zuletzt gab sie innerhalb von zehn Tagen um 20 Prozent nach. Der 30. September 2016 war der Schwarze Freitag für das Frankfurter Geldinstitut: US-amerikanische Hedgefonds zogen massiv Kapital ab und wetteten gleichzeitig über sogenannte Leerverkäufe auf weitere Kursrückgänge. Das Erdbeben erreichte die deutsche Politik: Die Zeit berichtete von einem Notfallplan der Bundesregierung, wonach sich der Staat mit 25 Prozent an dem strauchelnden Riesen beteiligen würde, wenn es zu einem Sturm auf die Konten kommen sollte. Zwar hat Finanzminister Wolfgang Schäuble immer wieder betont, dass eine staatliche Bankrettung nicht mehr in Frage käme. Doch im Falle des führenden deutschen Geldhauses würde er diese rote Linie wohl nicht aufrechterhalten können: Die Bilanzsumme der Deutschen Bank entspricht mehr als der Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik. Von «too big to fail» spricht der Börsianer: zu groß, um zu scheitern beziehungsweise um ein Scheitern zuzulassen – sonst risse der Gigant die anderen Großen mit. Auf ein Nachgeben Schäubles scheinen jedenfalls die Hedgefonds zu spekulieren, die am 30. September ihre Macht erprobten. «Man kann das als unfreundlichen Akt gegen den deutschen Steuerzahler sehen, der die Zeche zu bezahlen hätte, wenn die Deutsche Bank gestützt werden müsste», sagte Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt des Finanzinstituts. Tief im Derivate-Müll Doch ein «Super-GAU» im Frankfurter Bankenzentrum – so die Formulierung von «Mister Dax» Dirk Müller – hätte Auswirkungen weit über Deutsch-

COMPACT Titelthema land hinaus: «Gegen eine Pleite der Deutschen Bank wäre der Untergang von Lehman wie die Pleite einer Provinzbank in Idaho.» Der Bankrott von Lehman Brothers im September 2008 löste einen weltweiten Crash aus – die schlimmste Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Tatsächlich bezeichnet der Internationale Währungsfonds (IWF) das traditionelle Geldhaus in Mainhatten als «größtes Systemrisiko im globalen Finanzsystem». Verantwortlich dafür ist der hohe Bestand an Derivaten, die es im Umfang von sage und schreibe 35,5 Billionen Euro hält. Dabei handelt es sich nicht um Einlagen oder Aktienpakete, sondern um Zockerpapiere, deren Halter auf das Steigen und Fallen von Währungen und Preisen wetten (siehe Infobox Seite 15). Diese außerbörslichen Hütchenspiele werden von keiner Finanzaufsicht und keiner Regierung kontrolliert: Nirgendwo wird registriert, wer die Wettpartner sind. Fakt ist: Die Einsätze – Billionen! – übersteigen das Realkapital der Beteiligten – in der Regel höchstens Milliarden – um ein Vielfaches. Das führt zu Eintreibermethoden nach Mafia- Art: Ein Gewinner wird seine Besitztitelansprüche, wenn ihn der Verlierer nicht auszahlen kann, mit Gewalt von dessen Familie oder – im Falle von Mega- Wetten – von dessen Staat holen. So wurde Argentinien, das Ende der 1990er Jahre in die Hände von Geierfonds gefallen war, von deren Garantiemacht, den Vereinigten Staaten, kaputt geklagt. Stürzt das Derivate-Imperium der Deutschen Bank ein, so müsste der deutsche Staat – das heißt: wir als Steuerzahler – die Ansprüche der amerikanischen Wettpartner befriedigen. Die US-Regierung will 14 Milliarden Dollar von der Deutschen Bank. Dass sich die Deutsche Bank in derart fahrlässiger Weise von kriminellen Zockern abhängig gemacht hat, war auch der Anlass für den aktuellen Kursrutsch: Mitte September hatte das US-Justizministerium angekündigt, das Geldinstitut mit einer Strafe von 14 Milliarden Euro – das entspricht dem aktuellen Gesamtwert des Unternehmens! – zu belegen. Sanktioniert werden soll die Beteiligung der Frankfurter an den illegalen Hypothekengeschäften, die 2008 zum Zusammenbruch des US-Häusermarktes und großer Teile des Finanzsektors geführt hatten. Der Vorwurf ist durchaus berechtigt – aber kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die entsprechenden Betrügereien eine Erfindung der Wall Street waren. Anders gesagt: Die Deutsche Bank hat sich, wie bei den Derivate-Spekulationen, in die Abgründe des angelsächsischen Finanzkapitalismus hineinziehen lassen – zum Schaden ihrer deutschen Kunden. Deswegen gehören die verantwortlichen Bankster tatsächlich vor den Kadi – aber hierzulande und nicht in Amerika, wo die Erfinder und Auftraggeber der Abzocke sitzen. Der Ninja-Angriff Der Immo-Schwindel war erst durch die Liberalisierung des US-Finanzwesens möglich geworden, die Zentralbankchef Alan Greenspan mit Hilfe von Präsident Bill Clinton Ende der 1990er Jahre durchgesetzt hatte. Sie erleichterte die Kreditvergabe für Bau und Erwerb von Wohneigentum. Während in Deutschland die Bausparkassen verlangen, dass der Darlehensnehmer in der Regel ein Viertel bis ein Drittel des Vertragsvolumens durch Eigenkapital absichert, wurden in den USA millionenfach sogenannte Ninja-Kredite ausgereicht: In ihren Genuss kamen arme Schlucker ohne Einkommen, Arbeitsplatz und Vermögen (no income, no job and assets, abgekürzt Ninja). Plötzlich konnten sich Menschen, die vorher in Slums lebten, schöne Villen im Grünen oder am Strand leisten. Soweit hört sich das wie ein verrückter Traum linksromantischer Sozialfürsorge an, und als solcher wurde er auch verkauft. Kriminell wurde die leichtfertige Kreditvergabe dadurch, dass die US- Regierung den Banken gleichzeitig erlaubte, die entsprechenden Schulden der Ninjas – und damit das Risiko – an gutgläubige Dritte weiterzureichen. Das war der Kern der sogenannten Verbriefungsrevolution, die ebenfalls im Schulterschluss von Greenspan und Clinton durchgesetzt wurde. Verbriefung bedeutet, dass die Banken ihre Immo-Schulden in Wertpapiere verwandeln und diese Kunden aufschwatzen durften. Die wurden im Glauben gelassen, sie Wie funktionieren Zockerpapiere? Die gefährlichsten Derivate sind die sogenannten Kreditausfallversicherungen (CDS). Früher war das eine sinnvolle Sache: Vergab man ein Darlehen, sicherte man sich bei einer Versicherung gegen eine relativ geringe Gebühr ab. Diese musste einspringen, falls der Schuldner das Geld nicht zurückzahlen konnte. Im Zuge der Verbriefungsrevolution wurde den Versicheren erlaubt, solche Verträge auch mit Dritten abzuschließen. An einem einfachen Beispiel erläutert: Der Spekulant erwirbt eine Feuerversicherung nicht auf die eigene Wohnung, sondern auf die des Nachbarn. Wenn die dann ausbrennt, kassiert der Zocker vom Versicherungsgeber die volle Schadenssumme. Richtig lukrativ wird diese Wette natürlich dann, wenn der CDS-Inhaber die Nachbarswohnung gleich selbst abfackelt – dann ist der Schadensfall garantiert. An der Wertpapierbörse in Frankfurt am Main werden Banker und Broker langsam unruhig. Ist der Kollaps noch zu stoppen? Foto: picture alliance / dpa 15

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf