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COMPACT-Magazin 11-2016

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COMPACT Titelthema Die Heuschrecke, die Deutschland kontrolliert _ von Marc Dassen Wer oder was ist BlackRock? Megainvestor, Kapitalsammelbecken, Flaggschiff der Hochfinanz? Ökonomen sehen den US-Vermögensverwalter als größte Schattenbank der Welt. Ihre Kapitalmacht lässt ganze Staaten erzittern. In Deutschland stehen die führenden Konzerne unter dem Einfluss des schwarzen Felsens. über die Analyse- und Handelsplattformen der Krake, die auch von anderen Fonds genutzt wird – das entspricht fünf Prozent aller Finanzwerte weltweit. Aktiv in mehr als 100 Ländern, vertritt der schwarze Felsen das Who-is-Who der Global Player. Superreiche, Großkonzerne, ja sogar Staaten und Zentralbanken gehören zu seinem Kundenstamm. Sie vertrauen den New Yorker Anlagestrategen Unsummen an – auch Steuergelder. Heike Buchter schreibt in ihrem 2015 erschienen Buch BlackRock – Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld: «Noch nie hat es ein Imperium wie BlackRock gegeben. Keine Bank, kein Fonds hat annähernd so viel Einfluss.» Overlord der Weltwirtschaft Dabei ist BlackRocks Macht nur geliehen – gearbeitet wird mit dem Kapital fremder Leute, die den Finanzhaien ihre Spekulationsempfehlungen satt vergüten: Der Jahresumsatz des Schwarzen Felsens liegt bei 14 Milliarden Dollar, über 3,3 Milliarden bleiben als Gewinn hängen. Zu den potenten Klienten gehören Großkonzerne wie Monsanto, die Rüstungsfabrikanten Raytheon, Lockheed Martin und General Dynamics sowie die Europäische Zentralbank. Außerdem berät BlackRock das Königshaus in Dubai, den russischen Konzern Gazprom, die US-Großbanken JPMorgan Chase, Citigroup und die Bank of America. 18 BlackRocks Konzernzentrale: Die dunkle Glasfront wirkt ebenso bedrohlich wie die Bilanzsumme des Finanzgiganten. Foto: picture alliance / dpa «Noch nie hat es ein Imperium wie BlackRock gegeben.» Heike Buchter Wie erzählt man die Geschichte eines internationalen Finanzkonzerns? Spannend sind Menschen und ihre Eskapaden, persönliche Anekdoten und Fehden. Zahlen dagegen sind meist langweilig und nicht selten auch irreführend. Normalerweise. Bei BlackRock ist das etwas anders. Hier sprechen Zahlen Bände. Rund 4,6 Billionen – 4.600 Milliarden! – Dollar Fremdkapital dirigierten die Anlagestrategen 2015 über die globalen Finanzplätze. Das übersteigt die gesamte Jahreswirtschaftsleistung Deutschlands um etwa eine Billion Euro. Mit anderen Worten: Die 80 Millionen deutschen Staatsbürger müssen etwa 15 Monate arbeiten, um diese Summe zu erwirtschaften. Über 14 Billionen Dollar laufen Selbst Mainstream-Medien berichten über die unheimliche Macht des Kolosses gerne unter Überschriften wie «Der Schattenmann, der die Welt regiert» (Focus) «Der schwarze Riese» (FAZ), «Die Besitzer der Welt» (Welt) oder «Die heimlichen Herren des Dax» (Handelsblatt). Die Schweizer Anlegerzeitung Bilanz fragte sich, ob der Konzern eher «Fels in der Brandung oder gefährliche Finanzkrake» sei. Vielleicht stimmt beides: Ein stabiler Fels für die Globalisierer, eine Gefahr für die nationalen Volkswirtschaften. Laurence Fink gründete BlackRock 1988. Anfangs sprach nichts dafür, dass aus BlackRock «in nicht einmal drei Jahrzehnten der größte Vermögensverwalter der Welt werden würde», so Die Zeit Ende 2015. Finks Karriere kennt den steilen Aufstieg ebenso wie den tiefen Sturz – als Investmentbanker bei der First Boston Bank verlor er mal kurzerhand 100 Millionen Dollar über Nacht. Doch ebenso schnell war er wie-

COMPACT Titelthema der ganz oben. Heute arbeiten weltweit 13.000 Angestellte des schwarzen Giganten an den Fronten der Börsenparkette von Manhattan bis Tokio. Larry wird als «der mächtigste Mann an der Wall Street» bezeichnet. Schatten über Deutschland Als größter Einzelaktionär aller Schwergewichte der deutschen Industrie – etwa Bayer, BASF, E.ON, Deutsche Bank, Lufthansa, Siemens, Allianz, RWE, Daimler und SAP – hat BlackRock enormen Einfluss auf den Kurs unserer Volkswirtschaft. Rund 57 Milliarden Dollar stecken in den Dax-Unternehmen, das entspricht fünf Prozent des gesamten Kapitals an der Frankfurter Börse. «Kein anderer Aktionär, kein Pensionsfonds und kein Vermögensverwalter kommt auf mehr Anteile», fasste die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) Anfang Oktober zusammen. Erstmals widmete das Hauptgutachten der von der Bundesregierung beauftragten Monopolkommission ein Kapitel BlackRock und ähnlichen Fondsgesellschaften und konstatierte «ein wesentliches wettbewerbsverzerrendes Potential». Und die Finanzjongleure wollen Rendite sehen. Was das für die deutsche Wirtschaft bedeutet, erfuhr Buchter von einem Anlageberater, der ihr erklärte «BlackRock habe Deutschland ja quasi übernommen» – «schauen Sie, der Dax, der MDax – wenn BlackRock da mal aussteigt, dann pffft». Dabei zeichnete der Herr «mit der Hand eine steile Abwärtskurve» in die Luft. Kein anderer Investor kontrolliert mehr Anteile an den Dax-Konzernen. Durch die weltweiten Beteiligungen an Immobilien- und Rentenfonds können Entscheidungen, die hinter den verdunkelten Fenstern der Konzernzentrale getroffen werden, verheerende Auswirkungen auf den kleinen Mann haben. Ein Beispiel: Black- Rock ist nach Buchters Recherchen mittlerweile «einer der größten Vermieter Deutschlands». Über die Deutsche Annington, einer Immobilienfirma mit einer Million Wohnungen, setzte die Heuschrecke laut Medienberichten ganze Siedlungen als Spekulationsobjekte ein – den Profit schöpften die Amerikaner ab, den Schaden hatten die Bewohner. Das Netz der Spinne Glaubt man dem Finanzexperten Max Otte, entsteht hier eine neue «Adelsschicht, die die Welt auf ihre Art beherrscht». Mit «Verschwörung» habe das nichts zu tun, sondern mit «realen Machtstrukturen». Die Wenigsten wissen etwa, dass der ehemalige CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, der seit 2009 auch die Atlantik-Brücke leitet, im März 2016 zum Vorstandsmitglied bei BlackRock gemacht wurde (siehe auch Seite 16). Einen besonders guten Draht soll Fink zu EZB- Chef Mario Draghi haben. In einem Bericht der Süddeutschen Zeitung von Anfang März heißt es, dass «der direkte Kontakt zur EZB (…) BlackRock einen massiven Informationsvorteil gegenüber kleineren Fondshäusern» beschert. Und weiter: «Die Notenbanker versprechen allerdings, in den Gesprächen keine Informationen weiterzugeben, mit denen sich Geld verdienen ließe.» Soll man ihnen glauben? Fink sitzt «wie die Spinne in einem Netz von Machtbeziehungen», die er gekonnt für sich nutzt, so Professor Otte. Dabei spielt er allerdings immer «im Rahmen der gängigen Regeln». Offenbar sind es diese Regeln, die der Super-Heuschrecke ihren grenzenlosen Gestaltungsspielraum zubilligen. Das kalte Herz von Aladdin Anlagegesellschaften wie Black- Rock arbeiten mit einem neuen Finanzmodell, den börsengehandelten Indexfonds (ETF). Dabei wird nicht in einzelne Unternehmen investiert, sondern in eine ganze Palette, etwa in fast alle Konzerne des Dax. Zum Teil in Nanosekunden werden riesige Kapitalsummen entsprechend der Entwicklung der Kurse umgeschichtet. Dazu bedient sich BlackRock eines futuristisch anmutenden Megacomputers namens Aladdin – laut Handelsblatt ein «gigantisches Datenanalysesystem», dass «aus einem Heer von Analysten und rund 5.000 Großrechnern, verteilt auf vier Rechenzentren» besteht. Mit anderen Worten: Das Herz des angelsächsischen Finanzkapitalismus ist eine Maschine. Kann man da noch etwas Anderes erwarten als eine inhumane Weltwirtschaft? Laurence «Larry» Fink ist CEO von BlackRock und der heimliche Herrscher der Wall Street. Foto: Financial Times, Marcel Giger, CC BY 2.0, flickr.com «Heimlich, still und leise sind Fondsgesellschaften zur neuen Macht im Finanzsystem aufgestiegen», urteilt die FAS über den Siegeszug der früher gegenüber den Banken unbedeutenden Kapitalsammelstellen (siehe Infobox). Zum Schwergewicht wurde Fink vor allem durch den Handel mit Hypothekenpapieren, die jene Immobilienblase miterzeugten, welche 2008 mit verheerenden Folgen für die haftenden Volkswirtschaften platzte. In der Folge wurde der Bock zum Gärtner gemacht: BlackRock fiel die Aufgabe zu, den bankrotten Immobilienmarkt abzuwickeln. Es gab «im Unglücksjahr 2008 kaum eine Rettungsaktion, an der BlackRock nicht verdiente», schrieb die Basler Zeitung Ende 2012. So schuf «das spätere Debakel des Hypothekenrauschs letztlich die Grundlage des Imperiums», analysiert auch Buchter. Der dunkle Gigant _ wie BlackRock die Welt aufkauft Verwaltetes Vermögen (in Milliarden Dollar) 598 772 1.451 1.908 2.749 3.355 2006 2008 2010 2012 2014 2016 (August) Quelle: Bloomberg, Blackrock Anteile an Dax-Konzernen Pro Sieben Sat.1 9,3 % Merck 8,3 % Bayer 7,0 % RWE 6,4 % Allianz 6,1 % Deutsche Bank 5,8 % Daimler 5,2 % Adidas 5,1 % Grafik: COMPACT 19

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