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COMPACT-Magazin 11-2016

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Der Rassenkrieg der

Der Rassenkrieg der Zukunft _ von Marc Dassen 42 Ewige Jugend, ewiges Leben, übermenschliche Kräfte – Transhumanisten wollen den Neuen Menschen, der zur Neuen Weltordnung passt. Der technologische Fortschritt soll die vermeintliche Optimierung unserer Spezies ermöglichen und zurück ins Paradies führen. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich die Hybridwesen zu Herrschern über die humanoiden Eingeborenen aufschwingen. «Cyborgs sind bald keine Vision mehr». «Welt am Sonntag» Die Rebellion des Menschen gegen den Schöpfer und die eigene Begrenztheit ist eine Konstante. Schon immer versuchen wir, die Natur zu bändigen und nach unseren Wünschen zu manipulieren. Der moderne Transhumanismus tritt das Erbe uralter Mythen an. Schon Adam und Eva konnten der Versuchung nicht widerstehen. Sie aßen vom Baum der Erkenntnis, der ihnen verbotenes Wissen versprach, gleichzeitig aber ihren Rauswurf aus dem Paradies bedeutete. Ikarus, der Protagonist der antiken Sage, flog mit seinen provisorisch angeklebten Flügeln zu nah an die Sonne und stürzte in den Tod. Der Turmbau zu Babel, Frankensteins Monster, der Golem der jüdischen Mystik oder die antike Figur des Prometheus verweisen auf denselben Traum – endlich selbst Übermensch, endlich Schöpfer zu sein und Gott näher zu kommen oder ihm sogar ebenbürtig zu werden. Wird der Mythos nun Realität? Hexentanz der Zauberlehrlinge Einst aus dem Garten Eden vertrieben, glaubt die Wissenschaft heute, den Weg zurück ins Paradies gefunden zu haben. Die Transhumanisten hoffen auf die vermeintliche Erlösung des Menschen mittels Hightech. Der kommende und vermutlich letzte Schritt der Evolution verknüpft menschliche und künstliche Intelligenz, physische und virtuelle Realität, Biologie und Technologie. Das Verschmelzen der realen und der digitalen Welt – Singularität genannt – würde unsere Welt für immer verändern. Der Typus Mensch 1.0, wie wir ihn kannten, würde zum Auslaufmodell, ersetzt durch den Cyborg, den gezüchteten Klon oder genetisch optimierten Hybriden. Im Juni 2014 schrieb die Welt am Sonntag: «Cyborgs sind bald keine Vision mehr», und fügte hinzu: «Für Ethiker ein Horror.»

COMPACT Dossier malischer Abstammung und posthumaner Zukunft». Dabei beweist er geradezu missionarisches Sendungsbewusstsein: «Lasst uns unsere alten Formen sprengen! Hinweg mit unserer Unwissenheit, unserer Schwäche, unserer Sterblichkeit. Die Zukunft gehört uns!» In Mores 2013 erschienener Publikation Die Philosophie des Transhumanismus schreibt er, dass es sich hierbei um eine «intellektuelle und kulturelle Bewegung» handelt, die «die Möglichkeit und Wünschbarkeit einer fundamentalen Verbesserung der Menschheit durch angewandte Vernunft bejaht». Die Büchse der Pandora Das US-Magazin Our Weekly machte das Thema Menschheit 2.0 schon Ende Juli 2011 zum Titelthema. Foto: Our Weekly Zum Verlieben sieht sie nicht aus. Foto: wallup.net, CC-BY-SA Der Transhumanismus bedient sich einer Reihe von Methoden, mit denen der Evolution nachgeholfen werden soll. Darunter vor allem: Genmanipulation, Nanotechnologie, Klonen, Kybernetik, Robotik, leistungssteigernde Drogen und das sogenannte «Human Enhancement». Das Einpflanzen von Computerchips ins menschliche Gehirn zur kognitiven Erweiterung wäre ein praktisches Beispiel für Letzteres und ist streng genommen nur der logische Endpunkt einer seit Langem absehbaren Entwicklung. An das ständige Herumtragen des Smartphones hat sich fast jeder gewöhnt. Smarte Uhren und Brillen sind der nächste Schritt, bevor die Technik unter die Haut geht. Doch darf der Mensch das alles? Darf er mit Mutter Natur experimentieren, obwohl die Folgen nicht abschätzbar sind? Der Vorwurf, man habe vor, «Gott zu spielen», ist durchaus berechtigt. Für Transhumanisten ist das jedoch weniger Kritik als Ansporn. «Ob wir wollen oder nicht, wir werden Cyborgs werden.» Natasha Vita-More Einer der führenden Köpfe der Transhumanistischen Bewegung ist der britische Philosoph und Futurist Max More (*1964). Als Vordenker dieser Ideologie, Berater der Organisation humanity+ und Präsident der Alcor Life Extension Foundation – die Tote einfriert, um sie später wiederzuerwecken – ist More einer von vielen Wissenschaftlern, die die Menschheit auf die nächste Evolutionsstufe bringen wollen. Für ihn ist der Mensch nichts «Heiliges», sondern lediglich das Produkt eines «beliebigen Zufalls». Deshalb sei die genetische Verbesserung des Menschen «eines der moralischsten Dinge, die man tun kann». In Zukunft wird es völlig normal sein, etwa biologische Organe durch effizientere Maschinen zu ersetzen. In seinen Extropischen Grundsätzen schreibt er, dass die Transhumanisten nach «ständigem Fortschritt in alle Richtungen» streben und dafür auch bereit sind, «die menschliche Natur (…) in ihrem Kern zu verändern». Seine Maxime: «Wir wollen die traditionellen, biologischen, genetischen und intellektuellen Grenzen, die unseren Fortschritt einschränken, überschreiten.» Seiner Ansicht nach steht die Menschheit derzeit an der Schwelle «zwischen ani- Die selbsternannten Weltverbesserer glauben, dass es die Aufgabe des Menschen sei, die eigene Evolution zu steuern. Ihr Programm folgt in dieser Beziehung ganz der Ideologie des New-Age-Idols und bekennenden Satanisten Aleister Crowley (1875– 1947), dessen Moralvorstellung in dem Satz gipfelte: «Tue was du willst – das sollte das ganze Gesetz sein.» Die Transhumanistin Natasha Vita-More glaubt den Kampf zwischen Gegnern und Befürwortern bereits entschieden: «Ob wir wollen oder nicht, wir werden Cyborgs werden.» Schon 1983 erklärte sie in einem Manifest: «Der Mensch entwickelt sich passend zur Evolution seine Werkzeuge und Ideen.» Sie nennt es «morphologische Freiheit», wenn Menschen ihre eigene Evolution freiwillig forcieren. Ray Kurzweil – der Star der transhumanistischen Szene und Chefingenieur bei Google – ist schon heute überzeugt: «Nicht-biologische Intelligenz wird bald dominant werden.» Er selbst arbeitet fleißig daran mit. Der menschliche Körper könnte durch Implantate wie Computerchips und «Add Ons» optimiert oder vollständig durch eine Ganzkörperprothese ersetzt werden. Solche künstlichen Körper sind Glaubt man dem Time-Magazin, sind wir in 29 Jahren unsterblich. Foto: Time 43

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