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COMPACT-Magazin 11-2016

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COMPACT Dossier Als Avatar ins Weltall Transhumanisten diskutieren derzeit auch die Entwicklung sogenannter Avatare. Das sind holographische Kopien des Körpers, die wie virtuelle Figuren in einem Videospiel entworfen und mit menschlichem Bewusstsein ausgestattet werden können. Der Begriff Avatar, populär gemacht durch einen Hollywood-Film aus dem Jahr 2009, stammt übrigens aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie den «Abstieg der Gottheit» in die irdische Welt. Der Mensch, so glauben die Transhumanisten, wird dem Tod schon bald entkommen und ferne Galaxien bereisen können. Ginge es nach der Futuristin Vita-More, sollten wir «unsere Zivilisation ins Sonnensystem ausweiten». Tesla- Chef Elon Musk plant derzeit die Kolonisation des Planeten Mars. In den 1980er Jahren entwickelte sich die Universität von Kalifornien in Los Angeles zum Zentrum der Transhumanisten. Foto: Screenshot bereits in der Entwicklung. Das Modell «Primo Posthuman» wurde von Vita-More als «Alternative zum menschlichen Körper» entworfen. «Kranken Menschen» könnte man die Möglichkeit des «freiwilligen Todes» bieten, «bei dem das Gehirn in diesen Ersatzkörper verpflanzt wird». Erste Versuche, ein Gehirn in einer Nährlösung am Leben zu erhalten, fanden bereits in den 1960er Jahren statt. Mithilfe des Robo- Körpers erhielte das menschliche Bewusstsein endlich die ersehnte Unsterblichkeit. Fortpflanzung im klassischen Sinn wäre nicht länger erforderlich. Ob solche Möglichkeiten besonders für die superreiche Weltelite interessant sein könnten? Ob dem Durchschnittsbürger diese Technologien jemals zugänglich sein werden? Und ob er ebenso optimistisch in Bezug auf deren Verheißungen ist, wie die Zauberlehrlinge aus Silicon Valley? Diktatur der Computer Nick Bostrom, einer der Protagonisten der transhumanen Denkschule, beschreibt in einem seiner Bücher unter anderem die sogenannte «Superintelligenz»: In wenigen Dekaden soll es gelingen, Computer zu entwerfen, die dem menschlichen Denkvermögen Lichtjahre voraus sein werden. Eine solche Erfindung «könnte die letzte sein, die Menschen jemals machen müssen», da in der Folge solche Supercomputer «über die weitere wissenschaftliche und technologische Entwicklung wachen» würden. «Die biologische Menschheit wäre nicht mehr die intelligenteste Lebensform» auf dem Planeten. Nicht verheimlichen will er, dass «Transhumanisten gerne selbst superintelligent werden würden». Mithilfe sogenannter Hirn-Computer-Schnittstellen soll das bald möglich sein. «Wenn die künstliche Intelligenz erst vollständig entwickelt ist, dann könnte das das Ende der Menschheit bedeuten.» Stephen Hawking Das gesamte Wissen aller Bibliotheken der Welt auf Abruf, gespeichert auf einem Microchip im Gehirn, wäre das nichts? Das Problem ist, dass die Superintelligenz eine von Moral und menschlichen Gefühlen befreite Rationalität meint – grenzenloses Faktenwissen und perfektes Erinnerungsvermögen, aber keine Empathie, keine Humanität, kein Herz. Der Transhumanismus läuft Gefahr, dem ultimativen Despoten – nämlich dem Computer – zur Macht zu verhelfen. Eine dystopische Diktatur ungeahnten Ausmaßes wäre das Ergebnis. Der Astrophysiker Stephen Hawking warnte eindringlich vor dieser Entwicklung: «Wenn die künstliche Intelligenz erst vollständig entwickelt ist», so Hawking in einem Interview mit der BBC, «dann könnte das das Ende der Menschheit bedeuten. Die künstliche Intelligenz würde gleichsam sich selbst (…) immer schneller und schneller verändern und entwickeln. Die Menschen wären durch die langsame biologische Evolution begrenzt, sie könnten nicht mithalten und würden ersetzt.» 44 Der Kampf zwischen dem bisherigen Menschen und der neuen Superrasse wäre in jedem Fall unausweichlich. Er würde wohl ähnlich enden wie der Krieg der europäischen Kolonialherren gegen die Eingeborenen des amerikanischen Kontinents – in einem Genozid. Sollte Darwins Theorie vom Überleben des am besten Angepassten gültig bleiben, hätten Adam und Eva schlechte Karten. In seinem Roman Schöne neue Welt (1932) beschreibt Aldous Huxley eine Zukunftsgesellschaft, in der verschiedene Menschentypen im Reagenzglas gezüchtet werden, die von Alpha-Plus (für Führungspositionen) bis zu Epsilon-Minus (für Sklavenarbeiten) reichen. Die wenigen Außenseiter, die an biologischer Fortpflanzung und Individualität festhalten, werden in Reservaten gehalten und als Wilde verachtet.

Das Programm H+ _ von Alexander Dugin Der Transhumanismus ist der Endpunkt der entfesselten Moderne. Nachdem deren ideologischer Motor, der Liberalismus, alle bisherigen Formen von Religion, Staat, Volk, Familie und Geschlecht gesprengt hat, zerstört er nun unsere Gattung an sich. Das Symbol des Transhumanismus ist ein Kreis mit dem Buchstaben «H» vom Wort human, menschlich, und dem Pluszeichen. «H+». Die Anhänger dieses Trends nehmen begeistert alle Elemente der modernen Technologie an, und die Idee des Fortschritts führen sie zu ihrem logischen Schluss. Die Verbesserung der Technologie versetzt, nach ihrer Auffassung, die Menschheit in die Lage, künstlich perfektere Wesen zu schaffen, als wir es sind. Dies erreicht man durch die Verbesserung aller menschlichen Körperteile, ihrem Austausch durch künstliche Teile, die sich vom Original nicht mehr unterscheiden. Dies schließt die Technik der Simulation des Bewusstseins oder der Aufzeichnung des Bewusstseins auf speziellen Datenträgern ein – das sogenannte Mindmapping. Die neuesten Entdeckungen im Bereich der Genom-Struktur ermöglichen eine Korrektur des Organismus – eine Verbesserung der Qualität, selbst auf grundlegendem Niveau. «H+» hat eine Botschaft für die Menschheit: dass sie von Krankheit und Unvollkommenheit befreit wird und am Schluss physische Unsterblichkeit erlangt. Den Körper wird man austauschen oder reparieren und nach einer gewissen Zeit auch auf einem 3D-Drucker ausdrucken können. Die virtuellen Netze werden zum neuen Lebensmittelpunkt, indem sie schrittweise die bekannte Realität ersetzen. Auf der Straße des Fortschritts Der Transhumanismus ist kein Hobby von Exzentrikern, Designern und Fanatikern des technologischen Fortschritts. Er ist das Resultat der Entwicklungsrichtung der letzten Jahrhunderte, als die Menschheit ernsthaft an den Mythos von Fortschritt und Evolution geglaubt hat. «H+» ist das letzte logische Resümee der ganzen Epoche des Neuen Zeitalters, der Moderne. Die Grundidee der Moderne war die Befreiung des Menschen von seinen Beschränkungen. Begonnen haben wir mit der Religion, Tradition und der Klassengesellschaft. Danach haben wir uns auf den Staat und die Nation zugunsten der Zivilgesellschaft gestürzt. Das Nächste, was wir gemacht haben, war die Aufhebung der normativen Idee der Geschlechter und der normalen Familie, indem wir Für Vordenker Max More ist Transhumanismus «eine Kategorie von Anschauungen, die uns in Richtung eines posthumanen Zustands führen». Begonnen hat es schon, wie diese Präsentation einer «Mensch- Technik-Kooperation» aus dem Jahre 2012 zeigt. Foto: Festo Pressebild Den Körper wird man auch auf einem 3D-Drucker ausdrucken können. 45

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