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COMPACT-Magazin 11-2016

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COMPACT Dossier Kenobi. Auf der Brücke einer alten Fabrikhalle fechten sie mit Laserschwertern um Leben und Tod, unter ihnen ein glühender Lavafluss. Mit einem Streich amputiert Kenobi dem Gegner beide Beine und einen Arm. Skywalker fällt in die glühende Lava. Kenobi lässt den Sterbenden zurück. Aber bald darauf tauchen der böse Imperator und seine Sturmtruppen auf und finden Skywalkers verbrannten, aber noch dampfenden Torso. Mechanische Chirurgen verdrahten ihn mit einem riesigen, schwarzen Roboterleib und setzen ihm die Maske auf. Man hört erstmals jenen rasselnden Atem, der zum akustischen Markenzeichen werden sollte. Ein Cyborg war geboren. «Ich glaube, dass Roboter die Buddha natur in sich tragen.» Masahiro Mori 48 Luke, ich bin Dein Vater! Darth Vader verkörpert in Star Wars die dunkle Seite der Macht. Foto: wallup.net, CC-BY-SA men. In Frankenstein (1931) implantierte der gleichnamige Forscher, der den Tod überwinden wollte, das Hirn eines Schwerverbrechers in einen kräftigen Körper. Dadurch erhielt das Denkorgan die Macht, seine destruktiven Phantasien zu realisieren. In Mad Love (1935) verliert Pianist Stephen Orlac seine Hände. Der Chirurg Dr. Gogol näht ihm die eines exekutierten Mörders an. Klavierspielen kann Orlac mit diesen organischen Prothesen nicht mehr, stattdessen wollen die Fingerchen wieder morden… Der berühmteste Cyborg der Filmgeschichte, obwohl die Fachliteratur ihn selten als solchen erkennt, ist wahrscheinlich – Darth Vader, der finstere Lord aus der Star-Wars-Serie. Der dritte Teil (Die Rache der Sith, 2005) thematisiert dessen Metamorphose ins Transhumane: Nachdem der junge Jedi- Ritter Anakin Skywalker sich der finsteren Seite der «Macht» (einer mythisch-kosmischen Kraft, im Original: «Force») zugewendet hat, also zum Imperium übergelaufen ist und gegen die demokratischen Rebellen kämpft, kommt es im Showdown zum Duell zwischen ihm und seinem Ex-Lehrmeister Obi-wan Auch wenn Lord Vader nicht die höchste Stufe in der Imperiumshierarchie einnimmt, ist er doch die furchterregendste Gestalt im kosmischen Terrorstaat. Sein Cyborg-Körper überragt alle an Größe und Kraft. Die vibrierende Stimme ist klar und tief, duldet keinen Widerspruch. Eine Generation später (Star Wars – Die Rückkehr der Jedi-Ritter, 1983) führt Vader ein weiteres Laserschwert-Duell, diesmal gegen den eigenen Sohn Luke Skywalker. Aber die dunkle Macht verliert an Einfluss. Vader unterliegt. Sterbend bittet er den Sohn, ihm die Atemmaske abzunehmen, sein menschliches Antlitz freizulegen. Alle Macht, alle Kraft, die die Cyborg-Existenz ihm verlieh, verliert an Bedeutung. Die Identifikation mit dem Prothesenkörper löst sich auf. Sohn Luke soll sehen, wie sein Vater wirklich aussieht, wer er «wirklich» ist. Wie schon in seinem Frühwerk THX 1138 (1971) zeigt Regisseur George Lucas an dieser Stelle tiefe Skepsis angesichts der inhumanen Implikationen der Technik. Von Menschen und Mutanten Zahlreiche Blockbuster verwenden den Begriff des Cyborgs übrigens fehlerhaft, beispielsweise der Terminator (1984): Der ist einfach nur ein Roboter, ohne organische Anteile. Elektronik pur. Der Cyborg dagegen steht für die Synthese aus Fleisch und Stahl. Die Technik soll biologische Fehler ausbügeln oder Fähigkeiten ins Übermenschliche optimieren. Solche Utopien verfolgt auch die Genforschung. Und wieder verweist die Filmindustrie auf nicht gelesene Beipackzettel. In der Resident-Evil–Reihe (seit 2002) experimentiert der globale Bio-Tech-Konzern Umbrella mit dem sogenannten T-Virus, das tote Zellen reanimieren soll. Natürlich überwindet es die Sicherheitssperren des Labors und «optimiert» die Menschheit zu Zombies und Mutanten…

COMPACT Dossier Jenseits industrieller Perfektionierungsphantasien symbolisiert der Cyborg auch den Siegeszug der künstlichen Intelligenz. Der japanische Roboter- Ingenieur Masahiro Mori vermutet, dass Technik sogar in spirituelle Dimensionen vordringen könnte. 1974 schrieb er: «Ich glaube, dass Roboter die Buddhanatur in sich tragen – das heißt das Potential zur Verwirklichung der Buddhaschaft.» Also nicht bloß «künstliche Intelligenz» oder empfindsame Psyche (wie in Steven Spielbergs A.I., 2001), sondern selbst Erleuchtung ist für Masahiro Mori auf technischer Basis vorstellbar. Was Wunder, dass bei solch radikaler Grenzaufhebung zwischen organischer und toter Materie der Cyborg in der japanischen Populärkultur einen festen Platz hat. So präsentiert der Anime- Film Ghost in the Shell (1995) eine Welt des Jahres 2029, in der alle Menschen Cyborgs sind: voller Implantate, selbst im Gehirn (Cyberbrains). Richtig unangenehm wird das erst, als ein Hacker auftaucht und die Implantat-Programme durcheinanderbringt… McLuhans Maria-Visionen Die Frage, inwieweit Technik die Biologie ersetzen kann, lässt sich auch umdrehen: Inwieweit fühlt der moderne Körper sich bereits als Maschine? Darauf gibt die junge Fabrikarbeiterin Young-goon in der südkoreanischen Komödie I‘m a Cyborg, but that‘s OK (Ich bin ein Cyborg, aber das ist in Ordnung, 2006) eine klare Antwort: Sie hält sich nämlich für einen Cyborg. Essen interessiert sie nicht mehr, vielmehr will sie Strom zum Aufladen ihrer Batterien. Also stochert sie mit den Fingern in der Steckdose. Die Umwelt interpretiert diese Handlungen als Suizidversuche und steckt sie in die Psychiatrie. Doch erst nach einer Elektroschock-Behandlung zeigt sich Besserung – denn damit wurde ihr Strom-Akku endlich wieder aufgeladen… Man sollte Young-goons Selbstbild nicht Anzeige Die versklavte Nation markus mynarek voreilig als Spinnerei abtun. Denn der Cyborg ist keineswegs ein realitätsfremdes Sci-Fi-Thema. Folgt man dem bedeutendsten Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts, Marshall McLuhan, ist das Transhumane nämlich schon seit Jahrzehnten Realität. McLuhan beschrieb in Die magischen Kanäle (1964) den modernen Mediennutzer als Cyborg (auch wenn er das Wort nicht verwendet). Die global-mediale Verkabelung galt ihm als (elektronische) Verlängerung des Nervensystems: «Mit dem Aufkommen der Elektrotechnik schuf der Mensch ein naturgetreues Modell seines eigenen Zentralnervensystems, das er erweiterte und nach außen verlegte.» Es macht keinerlei Unterschied, ob wir TV, Radio oder Internet verwenden, da «alle Medien Teile unserer eigenen Person sind, die zum öffentlichen Bereich hin erweitert werden». Der Mediennutzer ist in der Definition McLuhans also ein Organismus, «der nun sein Gehirn außerhalb des Schädels und seine Nerven außerhalb der Haut trägt» – also ein monströser Cyborg, dessen künstliche Hirn- und Nervenverlängerung den Erdball umspannen. Demnach wären Cyborgs kein Problem einer baldigen Zukunft, sondern seit Jahrzehnten kaum bemerkte Gegenwart. Jeder Mediennutzer ist für McLuhan ein monströser Cyborg. Was wenige wissen: Der Katholik McLuhan war überzeugt, dass seine Theorien ihm direkt von der Jungfrau Maria eingegeben wurden. Es handele sich also um eine «göttliche Theorie». Widerspruch sei demnach sinnlos. Uns bliebe damit nur das Eingeständnis: Wir sind Cyborgs, aber das ist OK. So werden die Kleinen angefixt Der Kinderkanal (KiKa) erklärt seinen minderjährigen Zuschauern, dass viele Menschen eigentlich schon längst Cyborgs sind: «Ein Cyborg ist ein Wesen, halb Mensch, halb Maschine. Menschen werden als Cyborgs beschrieben, wenn sie in ihrem Körper ein dauerhaftes, nicht menschliches Bauteil tragen – wie zum Beispiel einen Herzschrittmacher oder eine Armprothese. Seit einiger Zeit experimentieren sogenannte Biohacker mit ihren Körpern und implantieren sich zum Beispiel Computerchips oder Magnete. Dadurch bekommen ihre Körper ganz neue Fähigkeiten – es stellt für sie eine Art Selbstverbesserung des eigenen Körpers dar. Das Eingreifen in die natürlichen Funktionen des Körpers ist jedoch gefährlich.» (kika.de) Das nennt man GEZ-Bildungsfernsehen. Foto: Screenshot Kika In I, Robot (2004) verhindert Will Smith die Machtübernahme der künstlichen Intelligenz. Foto: Studiocanal Home Entertainment Kaufen. Lesen. Wissen. ISBN 978 373 924 0152 156 Seiten | 16,90 Euro BOD Verlag, 22848 Norderstedt Telefon 06755 – 621 Markus Mynarek (Jahrgang 1976) entlarvt hier willkürliche politische Dogmen, Pseudo-Normen und Mythen im heutigen Deutschland. Begriffe wie Vaterland, Nation, Nationalgefühl, Patriotismus und Kollektivschuld werden von Vorurteilen und Voreingenommenheiten befreit. 49

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