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COMPACT-Magazin 11-2016

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COMPACT Leben genden Schwerpunks gerne mal um. Wie viele Soldaten für diesen Murks mit dem Leben bezahlten, wurde niemals seriös geklärt. Die Firma Borgward machte hingegen pleite. Jahre später recherchierte einer die Konkursbilanz nach, und siehe da – die den Konkurs auslösende Überschuldung des Unternehmens beruhte auf einem Rechenfehler. Sperrholzpanzer ahoi! Die Bundeswehr setzte bis 1991 insgesamt 916 Starfighter ein. Foto: picture-alliance/ dpa das MG42 aus Wehrmachtszeiten seine Wiederauferstehung und diente, leicht abgeändert, dem Bundesgrenzschutz. Während es bei der Wehrmacht nur Dauerfeuer schießen konnte, gab es nun, ganz zivilisiert, auch Einzelschüsse ab. Sonst war es dasselbe, nur den Namen musste es wechseln, den Neubeginn signalisierend: Als MG1 avancierte es zum Standard- Maschinengewehr der Bundeswehr. Das Kettenfahrzeug für den Panzergrenadier der Neuzeit war kein deutsches Produkt. Es war der Schützenpanzer HS30. Er ähnelte verblüffend einem fahrbaren Sarg. Seine Wiege stand beim Waffenhersteller Hispano Suiza in der Schweiz. Doch noch verblüffender als sein Aussehen war der Umstand, dass die Beschaffung dieses Fahrzeugs erfolgte, ohne dass jemand das rollende Ungetüm vorher gesehen, geschweige denn ausprobiert hatte. Das ist jedoch insofern verständlich, denn die Firma hatte bis dato keine Panzer im Programm gehabt. Die Entscheidung zum Kauf fiel nach der Vorführung eines Sperrholzmodells… Nach diesem Vorbild baute der britische Omnibushersteller (sic!) Mark-Leyland die ersten 2.800 von 4.400 Exemplaren, bis endlich jemand ein Einsehen hatte und den Rest bei Henschel in Kassel fertigen ließ. Es ging also nicht um eine Marginalie für das Panzermuseum in Munster, sondern um einen Großauftrag, der den Steuerzahler Milliarden kostete. So kamen dann Panzer zur Truppe, die das Gütesiegel «nicht verwendungsreif» verdient gehabt hätten. Ein Untersuchungsausschuss versuchte vergebens zu klären, wer hier die Hand aufgehalten hatte. Runter kommen sie immer! 58 Der Volksmund bespöttelte den Starfighter als Witwenmacher. _ Helmut Roewer (*1950) war von 1994 bis 2000 Chef des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz. Es war klar, dass der neue Soldat sich auch sonst vom alten unterscheiden sollte, selbst wenn die preußischen Knobelbecher die alten waren. Sie hatten nun lediglich oben am Stiefelschaft eine kleine Schnalle, von den alten Kommisslern als Demokratenschnalle verspottet. Daneben war klar: Der moderne Soldat würde das Gefechtsfeld nicht mehr zu Fuß betreten. Hierfür standen Rad- und Kettenfahrzeuge bereit. Zum Standard-Transporter machte man einen lustigen Gesellen der Firma Borgward, den es mit Pritsche und als Kübelwagen gab. Heutzutage sind das gesuchte Sammlerstücke, denn der Borgward verschwand plötzlich von der Bildfläche. Er wurde zügig durch ein Produkt aus Köln am Rhein abgelöst, das wegen seiner Hässlichkeit und seines meckernden Motorengeräusches von den Landsern NATO-Ziege genannt wurde. Das Tierchen kam aus dem Ford-Stall, und manch einer machte sich Gedanken, warum es in der Bundeswehr Karriere machen konnte, zumal der Kleinlaster eine bemerkenswerte Eigenschaft entwickelte: Er kippte in Kurven wegen eines zu hoch lie- Die Dinge sind oftmals steigerungsfähig. Die Rede ist von der Beschaffung des Starfighter Ende der 1950er Jahre. Dieser Abfangjäger des US-Luftfahrtkonzerns Lockheed war das Neuste vom Neuen, was die Wehrtechnik zu bieten hatte, und er war Anzeige

COMPACT Leben exorbitant teuer. Klar war bald, das dieses Fluggerät mit den Stummelflügeln nur im Prinzip flog – und zwar, konstruktionsbedingt, je schneller, desto stabiler. Unklar war freilich, ob es auch Waffen tragen konnte, was man von einem Abfangjäger eigentlich verlangen sollte. Als sich aber kluge und auch tapfere Piloten an ihre Weltkriegseinsätze zu erinnern begannen, stellten sie fest, dass es zuletzt absolut üblich gewesen war, Jagdflugzeuge auch Bomben abwerfen zu lassen, etwa die Focke-Wulf 190. Nun ist es normalerweise so, dass von Kriegswaffen eine tödliche Gefahr für den Feind ausgehen sollte. Beim Starfighter war dies nicht der Fall, da es zum Glück zu seinen Lebzeiten keine kriegerische Auseinandersetzung in Europa gab. Doch nicht nur das: Bei ihm war es nachgerade umgekehrt. Der schwerversehrte ehemalige Jagdflieger Johannes Steinhoff, der es später noch bis zum Luftwaffeninspekteur bringen sollte, urteilte: «Der Starfighter ist ein technisches Wunder, ein Fernlenkgeschoss mit Steuermann, das steil in die Höhe schießt, mit doppelter Schallgeschwindigkeit fliegt – gefährlich für jeden Piloten, der nicht aufpasst.» Dass das so nicht ganz stimmte, sollte sich bald erweisen: Der Starfighter war auch für Piloten lebensgefährlich, die voll konzentriert und erfahren waren. Insgesamt stürzten 269 Fluggeräte ab. 116 Luftwaffenangehörige kamen dabei ums Leben. Der Volksmund bespöttelte den Vogel als Witwenmacher. Beim Starfighter und seiner Anschaffung von einem Skandal zu sprechen, ist schon wegen dieser Ereignisse eine milde Einschätzung. Alsbald kam also die Frage auf, wer diese Entscheidung getroffen hatte. Es war Franz Josef Strauß, der Verteidigungsminister und CSU-Vorsitzende. Doch warum? Geld stinkt nicht Auch das Starfighter-Geschäft hat eine Vorgeschichte mit immens politischem Hintergrund: Um den bundesdeutschen Auftrag konkurrierte neben dem Starfighter, der den Atlantikern in Bonn gefiel, die Mirage der Firma Dassault aus dem benachbarten Frankreich – eine europäische Lösung, wenn man so will. Strauß schwankte zunächst und schien für das Angebot aus Paris zu optionieren, doch er erhielt Widerspruch aus der jungen deutschen Luftwaffe. Diese besaß ein paar vor der Verschrottung gerettete amerikanische F86-Kampfjets – und sonst nicht viel. Dementsprechend eng war die Einflussnahme aus Washington. wurde seinerzeit nichts aufgedeckt, obwohl beide Konkurrenten im Bonner Königshof ihre einschlägigen Hauptquartiere installiert hatten. Doch was in der Bundeshauptstadt nur hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde, machte der US-Senat nach einer einschlägigen Untersuchung 20 Jahre später öffentlich: Er bezichtigte Lockheed, Schmiergelder in Millionenhöhe an «befreundete Regierungen» gezahlt zu haben. Insgesamt stürzten 269 Starfighter ab, 116 Piloten kamen ums Leben. Hinzuzufügen wäre: Die Franzosen hatten es den konkurrierenden Amerikanern allzu einfach gemacht. Paris ließ in den 1950er Jahren keine Gelegenheit aus, die NATO-Strukturen zu boykottieren, und schon 1954, als die Europäische Verteidigungsgemeinschaft auf der politischen Agenda stand, hatten sie das Projekt platzen lassen. Bonn hing bei solcherlei Verhalten trotz guten Willens förmlich in der Luft und sah keinen anderen Weg, als sich an Washington anzulehnen. Obwohl sich dann ganz am Ende des Jahrzehnts die Dinge zwischen Deutschland und Frankreich – nicht zuletzt aufgrund der etwas skurrilen Freundschaft zwischen den beiden alten Männern Konrad Adenauer und Charles de Gaulle – zum Besseren wandten, war der Zug mit der Kampfjet-Beschaffung schon abgefahren. Ehrenkompanie der Bundeswehr tritt 1960 zum Empfang eines belgischen Generals an. Foto: picture alliance / Wolfgang Hub Drang nach Atomwaffen «Geradezu schicksalhaft für viele Starfighter-Piloten wurde (…) der Beschluss der NATO im Jahr 1959: Danach sollten auch einige derjenigen europäischen Bündnispartner, die keine Atommächte waren, mit Nuklearwaffen ausgerüstet werden. Strauß sah die Chance einer bundesdeutschen Atombomberflotte. Und er war geplagt von der Sorge, die NATO könnte ihren Beschluss revidieren. Eile war also geboten. Statt Umschau zu halten nach einem passenden Bombertyp und in weitere, womöglich jahrelange Kaufverhandlungen einzusteigen, ließ er den Starfighter zu einem Universalflugzeug umrüsten, das nicht nur abfangen, sondern auch angreifen können sollte. Tatsächlich standen damals in jedem der fünf F-104-G- Geschwader in der Bundesrepublik jeweils sechs vollgetankte Jets mit einer Atombombe am Rumpf – unter US-Aufsicht. » (welt.de, 14.1.2015) Die Entscheidung für den Starfighter beruhte nach ersten Erkenntnissen auf Beeinflussung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und schien deswegen zunächst keine Bestechungsangelegenheit im primitiven geldlichen Sinne zu sein. Jedenfalls 59

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