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COMPACT-Magazin 12-2016

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COMPACT Politik Ein Schlupfloch für die Ratten _ von Pepe Escobar 34 Die Befreiung der Millionenstadt Mossul vom Islamischen Staat hat begonnen. Doch die Anti-IS-Koalition ist in sich zu zerrissen, um einen schnellen Sieg erreichen zu können. Und man wird den Verdacht nicht los, dass die US-Strategen einen ganz anderen Plan verfolgen. 2010 war Mossul mit 2,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Irak. Foto: Azad Lashkari / Reuters _ Pepe Escobar lebt in Sao Paolo/ Brasilien und wird von dem früheren CIA-Analysten Ray McGovern als «der Beste» unter den Investigativjournalisten bezeichnet. Er schreibt für die in Hongkong erscheinende Tageszeitung «Asia Times». Der obige Text erschien auf Englisch auf der Webseite «informationclearinghouse.info» und wurde für den Abdruck in COMPACT leicht gekürzt. Der Vormarsch auf die zweitgrößte Stadt des Irak ist im Gang, aber das Befreiungsbündnis vereinigt ganz unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Zielen: die 9. Division der irakischen Armee; die kurdische Peschmerga unter Führung des gerissenen und korrupten Opportunisten Masud Barzani; sunnitische Stammesfürsten; Zehntausende schiitische Milizen aus dem Süden Iraks; dazu US- Spezialkräfte und die Air Force. Im Hintergrund mischen auch türkische Sonderkommandos und Erdogans Luftwaffe mit. Damit sind Reibereien, Probleme und Ärger programmiert. Glanz und Elend Ebenso wie Aleppo ist auch Mossul buchstäblich eine Legende. Die Geschichtsbücher verzeichnen folgende Wegmarken: Gegründet wurde die Stadt als Niniveh vor 8.000 Jahren; im 7. Jahrhundert vor Christus war sie die Hauptstadt des assyrischen Reiches unter Sennacherib; im 6. Jahrhundert vor Christus wurde sie von Babylon (dem heutigen Bagdad) erobert; tausend Jahre später wurde sie vom neuen islamischen Imperium annektiert und von den Dynastien der Ummajaden und der Abbasiden regiert; vom 11. bis 12. Jahrhundert war sie das Zentrum des mittelalterlichen Staates der Atabegs; unter osmanischer Herrschaft war sie im 16. Jahrhundert das wichtigste Zentrum eines Reiches, das vom Indischen Ozean über den Persischen Golf und das Tal des Tigris bis nach Aleppo und Tripoli am Mittelmeer reichte. Nach dem Sturz von Saddam brach in Mossul die Hölle los. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte jeder Mossul kontrollieren. Aber es waren letztlich die Briten, die es schafften, die Türkei zu verdrängen und Frankreich zu überlisten, indem sie Mossul in ihre brandneue Kolonie, den Irak, eingliederten. Ab 1958 war die arabisch-nationalistische Baath-Partei an der Regierung – bis zum Sturz Saddam Husseins 2003. Danach brach die Hölle los: die US-Invasion und Besatzung; die stürmische Herrschaft der schiitischen Mehrheit unter der Regierung von Nuri al- Maliki in Bagdad; schließlich der Einmarsch des IS im Sommer 2014.

COMPACT Politik Im historischen Rückblick zeigt sich eine erschreckende Parallele: Der Staat der Atabegs im 11. und 12. Jahrhundert hatte ungefähr dieselben Grenzverläufe wie das künstliche und falsche IS-Kalifat von heute – zu dem sowohl Mossul wie auch das 600 Kilometer entfernte Aleppo gehören. Schlacht um Aleppo Auch dort tobt jetzt eine gigantische Schlacht. Im Westen erzählt man uns, dass die «Achse des Bösen» (so die Etikettierung von Hillary Clinton), die aus Russland, dem Iran und dem «syrischen Regime» besteht, unerbittlich unschuldige Zivilisten und «gemäßigte Rebellen» bombardiert und so eine unvorstellbare humanitäre Krise geschaffen hat. Tatsächlich gehört jedoch die große Mehrheit der – mehrere tausend Mann umfassenden – «gemäßigten Rebellen» zur al-Sham-Front, die früher al-Nusra-Front hieß und sich als al-Qaida-Ableger in Syrien verstand. Deren Aufrüstung betreibt das Pentagon, und trotzdem haben die Truppen der Assad-Regierung mit russischer Luftunterstützung mittlerweile die von den Dschihadisten kontrollierten Stadtteile im Osten eingekesselt. Ein Regimewechsel in Syrien ist damit unmöglich geworden – und das macht die US-Strategen so narrisch. In ihrer Verzweiflung haben sie einen Plan B ersonnen: die Schlacht um Mossul. Der Plan des Pentagon ist auf trügerische Weise einfach: Es geht um das Auslöschen allen Einflusses der Assad-Regierung östlich von der im Frühjahr zurückeroberten Wüstenstadt Palmyra. Selbst wenn es innerhalb der nächsten Monate neben der Befreiung von Mossul auch noch eine Offensive gegen die IS-Hauptstadt Raqqa gäbe, bliebe in diesem Gebiet, das von Ostsyrien bis in den Westirak reicht, immer noch ein «salafistisches Fürstentum» übrig – genau in den Abmessungen wie auf einer Karte des US-Militärgeheimdienstes DIA aus dem Jahr 2012. Der Falludscha-Trick Der in London lebende syrische Historiker Nizar Nayouf bestätigte ebenso wie andere diplomatische Quellen, dass Washington und Riad vereinbart haben, Tausende falscher Kalifat-Dschihadisten aus Mossul gen Westen entkommen zu lassen, damit sie direkt nach Syrien fliehen und die dortigen Gotteskrieger verstärken. Ein Blick auf die Karte der Schlacht zeigt, dass Mossul tatsächlich von allen Seiten eingekesselt ist – außer von Westen. öffneten, noch bevor die irakischen Kampfflugzeuge auf den Konvoi der Terroristen zielen konnten.» Deswegen müssten «die irakische Armee und die Volksmilizen» den IS noch in Mossul schlagen, um sie nicht durch die gesamte Wüste bis nach Aleppo jagen zu müssen. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow hat das Schlupfloch in Mossul erkannt: «Soweit ich weiß, ist die Stadt nicht vollständig umzingelt. Ich hoffe, es liegt daran, weil sie es nicht schaffen konnten, und nicht, weil sie es nicht wollten. Aber dieser Korridor birgt das Risiko, dass IS- Kämpfer (…) nach Syrien fliehen könnten.» Die Kämpfer des IS sollen von Mossul nach Aleppo getrieben werden. In jedem Fall stellt Mossul – sogar mehr als Aleppo – ein ernsthaftes humanitäres Problem dar. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes schätzt, dass bis zu einer Million Menschen in der Falle sitzen. Lawrow kommt direkt auf den Punkt, wenn er darauf aufmerksam macht, dass «weder der Irak noch seine Nachbarn derzeit die Kapazitäten haben, um eine derart große Zahl von Flüchtlingen unterbringen zu können. Dies hätte aber ein Faktor in der Planung der Mossul-Operation sein müssen». Aber darum ging es vermutlich nie. Für die USA hat oberste Priorität, dass das falsche IS-Kalifat irgendwo im östlichen Syrien überlebt – nur dann kann das Pentagon seine Intervention in Syrien und dem Irak unter dem Vorwand des «Kampfes gegen den Terrorismus» fortführen. Mehr als 15 Jahre nach 9/11 ist es immer noch die gleiche Leier, mit der der Krieg gerechtfertigt wird. Erdogans Pläne Unterdessen bereitet die Türkei ihren spektakulären Eintritt in die Schlacht um Mossul vor, mit einem wahllos rumballernden Erdogan in vollem Ornat. Für ihn ist die Regierung in Bagdad nicht mehr als «der Verwalter einer Armee von Schiiten». Im Anschluss würde er gerne die syrischen Kurden aus der Stadt Manbidsch, die diese im Sommer dem IS abgenommen haben, wieder entfernen. Weiterhin bereiten Ankara und Washington eine Offensive gegen die IS-Hauptstadt Raqqa vor. Beides soll Erdogan helfen, seinen Traum von einer 5.000 km umfassenden «Sicherheitszone» in Nordsyrien zu realisieren. (Pepe Escobar) Recep Tayyip Erdogan Foto: Kremlin.ru Kurdische Petschmerga – hier im Oktober in Tel Kaif – sind Teil der Koalitionstruppen von Mossul. Foto: picture alliance / ZUMA- PRESS.com Was den Plan B der Amerikaner angeht, so hat der Hisbollah-Scheich Nasrallah das Ganze klar durchschaut: «Die Amerikaner beabsichtigen, das Komplott von Falludscha zu wiederholen, wo sie einen Fluchtweg für die IS-Milizen Richtung Ostsyrien 35

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