Aufrufe
vor 9 Monaten

COMPACT-Magazin 12-2016

  • Text
  • Trump
  • Compact
  • Deutschland
  • Welt
  • Zeit
  • Menschen
  • Politik
  • Deutschen
  • Alliance
  • Clinton

COMPACT

COMPACT Politik Die Ceska-Kontroverse _ von Radek Pokorny Was beweist eigentlich die Täterschaft des sogenannten NSU-Trios an den zehn Morden, die ihm zur Last gelegt werden? Im Zentrum steht die bei den Bluttaten verwendete Waffe, eine Ceska-83. Doch kaum beachtet von der Öffentlichkeit hat sich an der Aussagekraft dieses Beweisstückes ein heftiger Streit der Polizeiexperten entzündet. So wird das Phantasma von mächtigen rechtsradikalen Seilschaften genährt. Der Münchner Prozess gegen Beate Zschäpe neigt sich dem Ende zu, und noch immer haben die Ermittler keine DNA an den Tatorten der zehn Morde gefunden, die ihr oder ihren geselbstmordeten Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zugeschrieben werden können. Die Berliner Zeitung berichtete am 8. September aus dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages: «Der Ausschussvorsitzende Clemens Binninger (CDU) weist den BKA-Experten darauf hin, dass an keinem der 27 Tatorte von NSU-Verbrechen DNA-Spuren des NSU-Trios gefunden worden seien. Gleichzeitig habe man aber noch 43 DNA-Muster gefunden, die bislang niemandem zugeordnet werden konnten.» Auch das Ablenkungsmanöver, den genetischen Fingerabdruck von Böhnhardt mit der Kinderleiche von Peggy Knobloch in Verbindung zu bringen, hat nur ein paar Wochen funktioniert: Ende Oktober musste die Polizei zugeben, dass die groß herausposaunte Spur auf eine labortechnische Verunreinigung von Fundstücken zurückgeht. heute, etwa in der Anklageschrift gegen Frau Zschäpe, als wissenschaftliche Erkenntnis der Ermittler präsentiert wird, ist das Ergebnis eines langen und heftigen Machtkampfes zwischen konkurrierenden deutschen Sicherheitsbehörden: Man kann sagen, dass der Mythos von der Tatwaffe Ceska-83 gegen einen ganzen Haufen stinksaurer bayerischer Kriminalpolizisten durchgesetzt worden ist. Rund dreieinhalb Jahre wohnte das angebliche NSU-Trio in dieser Zwickauer Wohnung. Foto: picture alliance / ZB Somit bleibt als kriminaltechnisch einwandfreies Beweismittel nur noch die Ceska-83, die im Brandschutt der Zwickauer Wohnung des Trios aufgefunden wurde. Mit ihr sollen neun der zehn Morde verübt worden sein. Doch stimmt das überhaupt? Was Geburt eines Mythos Nach dem Mord an Süleyman Tasköprü im Juni 2001 in Hamburg war die Polizei aufgrund waffentechnischer Standard-Untersuchungen zu dem Schluss gelangt, dass man es nunmehr mit der dritten Tötung in Folge zu tun hatte, bei der immer dieselbe Pistole verwendet worden sei: Statt von Ceska-Morden sprach man aber von Döner-Morden, das verkaufte sich auf dem Boulevard besser. Damals war von einem Schalldämpfer oder gar einer Herkunft der Waffe aus der Schweiz, wie heute von der Bundesanwaltschaft vertreten, noch keine Rede. An diesen Fragen entzündete sich ein Machtkampf zwischen BKA und LKA Bayern. 36 Der Leser wird sich jetzt vielleicht fragen, wie es möglich ist, dass sich deutsche Ermittler in einer so wichtigen Mordsache uneins werden und zoffen. Die Hintergründe dieser Differenzen haben mit dem Föderalismus in Deutschland zu tun: Das Bundeskriminalamt ist eine kriminalpolizeiliche Bundesbehörde. Seine Aufgabe ist es, die Polizeibehörden der Länder in ihrer Ermittlungstätigkeit zu unterstüt-

zen und länderübergreifende Ermittlungen zusammenzuführen. In besonderen Fällen, die bundesweite oder internationale Bedeutung haben, kann das BKA auch direkt mit den Ermittlungen beauftragt werden. Dies war aber im Kontext der Ceska-Morde bis 2011 nicht der Fall. Zuständig für die Serie war vor 2011 das Landeskriminalamt Bayern, zu Anfang mit der Soko Halbmond und ab 2005 mit der BAO (Besondere Aufbauorganisation) Bosporus mit Sitz in Nürnberg. Parallel wurde trotzdem beim BKA eine eigene Ermittlungsgruppe (EG Ceska) mit Sitz in Meckenheim bei Bonn eingerichtet. Diese begann ab 2004 den Bayern Theorien aufzudrängen, die man in Nürnberg mit Kopfschütteln quittierte. Während die personalstarke BAO Bosporus um 2005 vielversprechenden Spuren in die Szene der internationalen Waffenhändler und geheimdienstlich angebundener Mafiosi nachging, tüftelte das BKA eigene Thesen zu Beschaffenheit und Herkunft der Tatwaffe aus. men sei. In bayrischen Sachstandsberichten wurden die Theorien der Experten aus Meckenheim demonstrativ ignoriert oder «unter ferner liefen» einsortiert. Anfang 2008 strich man den misstrauischen Bayern die BOA Bosporus personell zusammen, der Machtkampf drohte zu eskalieren. Als das BKA dann ankündigte, eine Öffentlichkeitsfahndung nach der angeblichen Schweizer Waffe durchzuführen, platzte den Bayern der Kragen. In einem hitzigen Schriftverkehr drohte man die Einschaltung von Ministerpräsident Günther Beckstein, ja sogar staatsanwaltschaftliche Maßnahmen gegen das BKA an. Das LKA Bayern wollte dem BKA den Staatsanwalt auf den Hals hetzen. Zwickauer Fundstück: Die Ceska-83 war die Exportvariante der Ordonnanzpistole in der Tschechoslowakischen Volksarmee. Foto: picture alliance / Winfried Rothermel Die Schweizer Spur Das BKA redete den Bayern gehörig drein und brachte deren gestandene Ermittler zur Weißglut: Zunächst, 2004, hatte man Kraft Autorität der Bundesbehörde festgestellt, dass es sich um eine Waffe mit Schalldämpfer handeln musste. 2006 wurde angeblich Aluminiumabrieb an den Tatprojektilen festgestellt (was die Schalldämpfer-These erhärten sollte). Und 2008 legte man sich schließlich darauf fest, dass die Pistole aus der Schweiz gekom- Die 2010 ausgestrahlte Sendung von Aktenzeichen XY, in der schließlich die Herkunft der Tatwaffe aus der Schweiz öffentlich verkündet wurde, war für das BKA ein Sieg: Die Experten aus Meckenheim und Wiesbaden schrieben ihre Version der Ereignisse fest. Aber sind die Beweise des BKA auch belastbar? Aus heutiger Sicht muss man sagen: Nein. Die Aussagen von BKA-Beamten vor den diversen NSU-Untersuchungsausschüssen und im Fernsehen gaben nämlich nicht viel her: Nach Angaben der EG Ceska zeichnen sich die «Schweizer Ceskas» Das erste COMPACT Spezial wurde sogar im Münchner NSU-Prozess verwendet. Foto: COMPACT _ Radek Pokorny schrieb in COMPACT 10/2016 über den Ermittlungsstand zum Oktoberfestattentat 1980. 37

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf