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COMPACT-Magazin 12-2016

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COMPACT Dossier Hoffnung aus dem Osten _ von Götz Kubitschek Warum demonstrieren in Dresden regelmäßig Tausende gegen den Asylwahnsinn – und in Düsseldorf nicht? Warum zieht die AfD in den neuen Bundesländern nicht nur die Wähler, sondern selbst Politiker der Altparteien inhaltlich immer mehr an sich heran? Überlegungen zum zweiten Jahrestag von Pegida. gäbe es keinen Widerstand gegen das, was er uns zumutet? Ist Deutschland das «Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten»? Ist das, was wir tun, am Ende nicht doch ein zu ungleicher Kampf? Ja und nein: Ja, weil dieser sein eigenes Volk missachtende Apparat über geradezu grotesk große finanzielle, personelle, administrative und mediale Mittel verfügt – und sie gegen uns einsetzt, auf allen Ebenen. Nein, weil er sich dabei selbst entlarvt. Was muss der Apparat doch für Kanonen auffahren, um diese von ihm als lächerliche Minderheit bezeichneten Widerständler in die Deckung zu zwingen! Dieses harte, aber unfaire Duell der vier Guten gegen den einen Poggenburg verfestigte auf der einen Seite natürlich die Macht des Apparats, aber auf der anderen Seite entlarvte es das dreckige Spiel. Ich will drei dieser Gegner kurz beschreiben. Es ging ja um die Frage, was da los sei in Dresden, wo man (also wir) auf die Einheit pfeife, obwohl man doch dankbar sein müsste für die schönen neuen Autobahnen, die tollen Einkaufsmöglichkeiten und renovierten Häuser. Die Visage der BRD 46 André Poggenburg mit Matthias Platzeck bei hart aber fair. Foto: Screenshot ARD via YouTube _ Götz Kubitscheks hier dokumentierte Rede, die er am 16. Oktober auf der Kundgebung zum zweiten Geburtstag von Pegida hielt, wurde für den Abdruck leicht gekürzt. Am vergangenen Montag schaute ich mir wieder einmal eines dieser beliebten, aus Zwangsgebühren finanzierten Spielchen «Vier gegen Einen» im Fernsehen an. Der AfD-Landesvorsitzende aus Sachsen-Anhalt, André Poggenburg (übrigens ein Pegida- Spaziergänger der ersten Stunde) gegen vier andere Gäste: hart aber fair heißt die Sendung; hart war‘s, fair nicht, aber was können wir erwarten von solchen Versuchsanordnungen? Poggenburg jedenfalls schlug sich wacker für uns alle, verteidigte unseren gerechten Zorn und unsere Teilhabe an jenem denkwürdigen 3. Oktober in Dresden, an dem es nicht ganz so glatt lief für die Oberhäupter unserer Nation. Aber seien wir ehrlich: Sind wir jetzt schon zufrieden damit, dass sich Frau Merkel und Herr Gauck ein paar harte Worte anhören mussten? Können und dürfen wir die Lage in unserem Land heute hoffnungsvoller beschreiben als noch vor zwei Jahren? Oder müssen wir unsere Widerstandsbemühungen als das beschreiben, was sie sind: als ein noch immer nicht wirklich wirkungsvolles Anrennen gegen einen Staatsapparat, der einfach weitermacht, als Es saß da in der Runde sehr selbstzufrieden Michael Jürgs. Er war von 1986 bis 1990 Chefredakteur des Magazins Stern, und er war einer der ganz hartnäckigen Gegner, ja: Kaputtschreiber der deutschen Wiedervereinigung. Jürgs ist für mich, Entschuldigung!, die «Visage der linksliberalen BRD»: ein Typ, der sein Politologie- und Germanistik-Studium abbrach und trotzdem von einem Stuhl auf den nächsten nach oben gehoben wurde, kurz: Karriere machte – aus einem einzigen Grund: Es bekam damals im Zuge der 68er-Bewegung jeder eine Stelle, der einen Bleistift richtig herum halten konnte, und es machte jeder Karriere, der sich zum moralischen Richter der Kriegsgeneration aufschwang. Jürgs und sein Drecksblatt hätten die Deutsche Einheit am liebsten verhindert, und weil ihm das nicht gelang, muss er seither über die Ossis im Allgemeinen und die Sachsen im Besonderen herziehen, und ich will nun mal alle Zurückhaltung aufgeben und Folgendes feststellen: Neben Jürgs saß Armin Laschet, CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen, und der bot, was man von ihm erwartete. Ich las einmal, dass der Unterschied zwischen den Wessis und den Ossis grob gesagt in einem unterschiedlichen Blick auf das bestehe,

COMPACT Dossier was Deutschland sei: Für die Westdeutschen sei Deutschland die Bundesrepublik, für die Ostdeutschen sei Deutschland Deutschland, also etwas, das oberhalb eines politischen Systems liege. Was bedeutet das? Kurz gesagt: Wer in der DDR zu leben hatte, erlebte den Untergang eines Systems, lebte aber zuvor und danach in Deutschland und begriff, dass es da etwas gibt, das beständiger ist als eine politische Ordnung. Diese Erfahrung geht den Westdeutschen ab, sie verwechseln ständig das politisch erfolgreiche System mit Deutschland selbst, und das macht sie blind für die Gefahr, in der unser Vaterland schwebt. Wenn diese Blindheit ein Gesicht hat, dann ist es das der Aachener Frohnatur Laschet. Und wenn Reichspräsident Friedrich Ebert einst sagte: «Wenn der Tag kommt, an dem die Frage auftaucht: Deutschland oder die Verfassung, dann werden wir Deutschland nicht wegen der Verfassung zugrunde gehen lassen» – dann würde Laschet genau dies tun: Deutschland zugrunde gehen lassen. Er ist die fleischgewordene Wohlfühlzone, er verbreitet die Atmosphäre eines 24-Stunden-Buffets, und es wäre für uns alle schon viel gewonnen, wenn er einfach nur sein Leben genösse und kräftig in sich hineinschaufelte, was ihm das Geld anderer Leute so alles ermöglicht. Aber nein: Laschet muss unbedingt Politik machen – es wird Zeit, dass die AfD ihn austauscht. Das Volk, der Bengel Dann war da noch der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, der sich allein physiognomisch komplett von seinen abendlichen Verbündeten Jürgs und Laschet unterschied: ernster, hagerer, näher dran an dem, was er noch Volk nennen kann. Platzeck war mit zunehmender Dauer der Sendung nicht mehr sehr froh über die beiden Besserwessis und verteidigte seine ostdeutschen Landsleute recht wacker. Als Laschet bemerkte, dass Platzeck emotional in die Nähe Poggenburgs rutschte, hielt er ihm rasch eine kleine Privatvorlesung in Sachen politischer Verantwortung: Poggenburg habe darauf zu achten, dass aus der Wut der Bürger, die er entfache, friedliche Politik werde. Platzeck, der Vater, Poggenburg, der Bengel – wir alle hier überhaupt: die Bengel, die Lümmel, die Unzumutbaren: Wir wissen, dass das Volk (also wir) im Zweifelsfall der große Lümmel ist! Was an Platzeck auffiel, sollte uns Hoffnung machen: Er rutsche also, ob er wollte oder nicht, in Richtung Poggenburg, und er wehrte sich dagegen. Was sollte er auch sonst tun? Zu hoch war sein Amt, zu gut kennt er seine Rolle. Aber in den Ebenen unter ihm bricht und bröckelt es, und es rutschen die SPDler ebenso in Richtung AfD wie die CDUler, und die Linken sowieso. Der Westen versteht den Osten nicht, der Osten kennt den Westen nur zu gut. Wenn also in dieser Gesprächsrunde überhaupt irgendetwas deutlich wurde, dann dies: Der Westen versteht den Osten nicht und will ihn maßregeln. Der Osten kennt den Westen nur zu gut und hat es satt, dafür gescholten zu werden, dass er Deutschland nicht mit der Bundesrepublik verwechselt. Poggenburgs geduldiges, aber auch schelmisches Lächeln hatte wohl diese Erkenntnis zum Grund. Sie lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Der Westen ist das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, der Osten nicht. Der Osten hält stand. Wir beleidigen nicht Bei den Staatsfeierlichkeiten zum 3. Oktober in Dresden demonstrierten Tausende gegen die versammelte Elite. Aus der unorganisierten Menge waren bedauerlicherweise auch vereinzelt Beleidigungen zu hören. Michael Stürzenberger, Sprecher der Partei Die Freiheit, machte auf der Pegida-Geburtstagskundgebung am 16. Oktober deutlich, dass dies nicht der Stil der Bürgerbewegung ist. «Freunde, wir beleidigen nicht. Wir bleiben gelassen, gut gelaunt, gewaltfrei, fröhlich, denn wir haben alle Argumente auf unserer Seite. Wir brauchen niemanden zu beleidigen. (…) Es muss [am 3. Oktober] auch Affenlaute von Einzelnen gegeben haben, als ein Schwarzer in die Frauenkirche zum Gottesdienst wollte. Machen wir auch nicht, Freunde, denn wir sind weder menschenverachtend noch rassistisch. Und wir haben selber gute Freunde aus Afrika. Denkt an Ferdinand aus Kamerun, der hat schon oft bei Pegida geredet. Er ist legal hier, er ist fleißig, er ist patriotisch, er liebt Deutschland. Solche können wir bei uns in Deutschland gebrauchen, die sind bei uns herzlich willkommen. Aber nicht die Illegalen, die unsere Sozialsysteme plündern, die gewalttätig werden und sich hier aufführen wie Rotz am Stiel. Die sollen wieder dahin zurück, wo sie hergekommen sind!» Michael Stürzenberger und Ferdinand Lekaboth. Foto: M. Stürzenberger Rund 10.000 Demonstranten füllten am 2. Pegida-Geburtstag den Dresdner Theaterplatz. Foto: picture alliance / dpa 47

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