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COMPACT-Magazin 12-2016

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COMPACT Leben 58 Bild links: Vor dem Kongress bezichtigte Präsident Franklin D. Roosevelt Japan eines unprovozierten Überraschungsangriffs. Foto: picture alliance / AP Bild rechts: Dieses Plakat des Künstlers Bernard Perlin verbreitete das US-Kriegsministerium 1942. Foto: U.S. National Archives Das Pentagon hatte den Code des japanischen Funkverkehrs geknackt. Der italienische Illustrator Gino Boccasile feierte den Angriff als Schlag der Achsenmächte. Foto: Gino Boccasile, Public Domain, Wikimedia Commons und Japan dadurch wehrlos würde. Also verfolgten die japanischen Militärs das Ziel, sich aus der US-amerikanischen Umklammerung zu befreien und gleichzeitig die Erdölquellen in Fernost zu besetzen. Das konnte aber nur durch einen militärischen Erstschlag erfolgen, der Amerikas Angriffspotential so wirksam wie möglich beschädigte. Mindestens seit dem 27. Januar 1941 hätte die Regierung in Washington gewarnt sein müssen, als der US-Botschafter in Tokio, Joseph Grew, berichtete, dass Japan «einen Überraschungsangriff auf Pearl Harbor mit aller Kraft und allen zu Gebote stehenden Mitteln durchzuführen beabsichtigt». Die Festung Pearl Harbor auf Hawaii war seit 1919 zentraler Pazifik-Stützpunkt der US-Navy. Im Zeitalter des Luftkrieges und der Flugzeugträger verlor eine solche Militärbasis aber an Wert, wenn man sie nicht ausreichend schützte. Schon Ende 1940 wies der kommandierende Admiral im Pazifik, John Richardson, den Präsidenten persönlich auf diese Gefahr hin. «Unsere Schiffe in Pearl Harbor kann ein Feind aus der Luft wie brütende Enten herauspicken», warnte er und nannte Pearl Harbor sogar «eine gottverdammte Mausefalle für unsere Marine». Einen Monat später verlor Richardson seinen Posten. Weitere verantwortungsbewusste Militärs meldeten sich zu Wort, so die beiden Luftwaffenkommandeure aus Fernost, Frederik Martin und Patrick Bellinger. Sie werteten Manöver aus, wonach Pearl Harbor einem japanischen Flugzeugträgerangriff weitgehend schutzlos ausgeliefert wäre. Am 20. August bestätigte Oberst William Farthing, Chef der Fliegertruppe auf Hawaii, welch verheerende Folgen eine feindliche Attacke gegen Pearl Harbor hätte, wenn Washington nicht endlich für genügend Schutz durch Langstreckenbomber sorgen würde: «Ich befürworte ein System von festen Verteidigungsstellungen unmittelbar an der Küste sowie einen regelmäßigen Luftaufklärungsdienst und ausgedehnte Kontrollfahrten von Zerstörergruppen im nördlichen Pazifik.» Doch all diese warnenden Denkschriften verschwanden rasch in der Versenkung. Stattdessen zog die Marineführung auf Befehl Roosevelts vier von sieben Flugzeugträgern aus Pearl Harbor in den Atlantik ab. Zahlreiche Warnungen Inzwischen war etwas Entscheidendes geschehen: Die Geheimdienste von US-Army und -Navy konnten die wichtigsten militärischen und zivilen Codes der Japaner entschlüsseln. Der komplizierteste von ihnen, Deckname «Purple» (purpur), konnte seit dem 15. September 1940 mit geringer zeitlicher Verzögerung gelesen werden. Außerdem fing man die Meldungen eines japanischen Spions ab, der seit März 1941 direkt von Hawaii aus detailliert über die Lage der dort stationierten Luft- und Marineeinheiten berichtete. Nachdem sich die Hinweise auf eine japanische Aktion gegen Pearl Harbor im Herbst 1941 immer mehr verdichteten, erließ das US-Marineministerium am 27. November eine «Allgemeine Kriegswarnung» für das Pazifikgebiet von Borneo, Guam, Samoa und die Philippinen. Nur Hawaii kam darin nicht vor – also beließ es der Kommandierende Admiral in Pearl Harbor, Husband Kimmel, bei der niedrigsten Alarmstufe. Mitterweile besaß er von den drei verbliebenen Flugzeugträgern nur noch zwei, weil die Saratoga sich zur Werftüberholung an der nordamerikanischen Westküste befand. Am 28. November musste Kimmel auch noch die Enterprise zum Wake- Atoll und die Lexington nach Midway abgeben – so

COMPACT Leben gab es zum Schluss nicht mehr einen einzigen Flugzeugträger in Pearl Habor! Dass der Admiral gegen diese eklatante Entblößung seiner Streitmacht nicht protestierte, lag vorrangig an den systematischen Desinformationen, die er aus Washington erhielt. Die japanische Invasionsflotte war seit dem 1. Dezember von den Kurilen-Inseln Richtung Hawaii unterwegs. Der Angriff sollte am Morgen des 7. Dezember erfolgen. Auf seinem 8.500 Kilometer langen Anmarschweg in den Weiten des Pazifiks wurde der Verband am 4. Dezember eher zufällig von einem holländischen Zerstörer geortet. Von ihm erfuhr der australische Geheimdienst, dass eine große Flotte mit Höchstgeschwindigkeit nach Süden im Anmarsch sei. 24 Stunden später war klar: Der Stoß zielte auf Pearl Harbor. Also suchte Australiens Botschafter in Washington, Robert Casey, am 6. Dezember gegen 16 Uhr Roosevelt auf und warnte ihn vor der drohenden Gefahr. Doch der Präsident unternahm nichts. Wenige Stunden später entschlüsselte der Marinegeheimdienst ein alarmierendes Dokument, wonach am Morgen des 7. Dezember ein japanischer Angriff bevorstand. Roosevelts stellvertretender Marineadjutant Lester Schulz lieferte dieses Schreiben kurz nach 21 Uhr im Weißen Haus persönlich ab. Zu jener Zeit wäre noch Gelegenheit gewesen, in Pearl Harbor alle geeigneten Maßnahmen, insbesondere zur Luftverteidigung, zu ergreifen. Roosevelts Reaktion auf das Dokument bestand aus dem Satz: «Das bedeutet Krieg!» Er saß im Oval Office mit seinem engsten Berater Harry Hopkins, der bedauerte, «dass wir nicht als erste zuschlagen und damit jede Überraschung verhindern können». Zu Lester Schulz’ grenzenloser Verblüffung herrschte danach völlige Tatenlosigkeit. «Während ich meine Tasche verschloss, klappte Roosevelt wieder sein Briefmarkenalbum auf und betrachtete den Inhalt höchst interessiert mit einer großen Lupe. Hopkins schien vor sich hinzuträumen.» Schlachtung der Sündenböcke Als Admiral Kimmel in Hawaii diese Botschaft empfing, brannte es auf den Inseln bereits seit zwei Stunden lichterloh, lagen Dutzende Kreuzer und Schlachtschiffe explodiert, verbrannt, versenkt im Hafenbecken, waren 2.400 Menschen tot und 1.200 verwundet. Zu diesem hohen Preis bekam Roosevelt endlich seinen heiß ersehnten Krieg, denn das mit Japan verbündete Deutschland trat nun auch offiziell in den Konflikt ein. Amerikas Bevölkerung glaubte an die Fiktion eines völlig überraschenden Überfalls und stand voll grimmiger Kriegsbegeisterung hinter ihrem Präsidenten. Alle US-Basen wurden rechtzeitig gewarnt – nur Pearl Harbor nicht. Als zynischer Abschluss der Pearl-Harbor-Affäre wurden Admiral Kimmel und der Heereschef auf Hawaii, General Walter Short, die man absichtlich völlig im Unklaren gelassen hatte, wegen «schwerer Pflichtversäumnisse» vor ein Kriegsgericht gestellt und aus dem Militär entlassen. Ein bemerkenswertes Nachspiel erfolgte fast sechs Jahrzehnte später. Am 25. Mai 1999 verabschiedete der US-Senat mit 52 zu 47 Stimmen eine Resolution. Demnach wurden Admiral Kimmel und General Short von allen Vorwürfen bezüglich des Pearl-Harbor-Desasters freigesprochen. Der Senat gestand öffentlich ein, dass beiden Kommandeuren entscheidende Informationen, die der Regierung in Washington vorlagen, vorenthalten wurden. Die US-Journalistin Clare Boothe Luce, im Jahre 1953 erster weiblicher Botschafter ihres Landes, kam zu dem Schluss: «Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass Präsident Roosevelt uns in den Krieg hineingelogen hat.» Das gebrochene Versprechen «Ich habe es schon einmal gesagt, und ich werde es wieder sagen: Eure Jungs werden nicht in irgendwelche fremden Kriege geschickt werden.» (US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Wahlkampf, Oktober 1940) «Ich warte darauf, in die Kriegslage hineingezwungen zu werden.» (US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu Henry Morgenthau, seinem Freund und Finanzminister, Juni 1941) «Unsere Kugeln werden Pearl Harbour rächen.» Foto: U.S. National Archives and Records Administration Die in nur neun Minuten gesunkene USS Arizona wurde zum Symbol für den Angriff. Das Wrack des 1916 in Dienst gestellten Schlachtschiffes ist heute eine Gedenkstätte. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Erst am Morgen des 7. Dezember, wenige Stunden vor dem Angriff, erfuhr in Washington Flottenchef Stark von dem Geheimdienstdossier, das Roosevelt bereits kannte. Auch er sagte: «Das bedeutet Krieg», unternahm aber ebensowenig wie George Marshall, Kommandeur der US-Landstreitkräfte. Dieser zog es vor, zunächst einen Reitausflug zu absolvieren und danach ausgiebig zu duschen. Als er um 10:20 Uhr in seinem Büro auftauchte, machten die Japaner bereits ihre Flugzeuge auf den Trägerschiffen startklar. Stark und Marshall beschlossen endlich, Pearl Harbor zu warnen – aber nicht über die abhörsichere transpazifische Telefonleitung, sondern per Telegramm mit der niedrigsten Dringlichkeitsstufe! 59

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