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COMPACT-Magazin 12-2016

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COMPACT Leben Warum die Intellektuellen bescheuert sind _ von Stefan Leiner Sind Rechte dümmer als Linke? Auf den ersten Blick könnte man das vermuten, denn ihr Denken ist in der Regel weniger komplex. Genau das aber macht sie auch weniger anfällig für wirklichkeitsferne Abstraktionen und Manipulationen. Das gesamte intellektuelle Klima des Westens ist von Grund auf verrottet. Es wird immer behauptet, die Wähler von FPÖ und AfD seien dumme Menschen. Genauer gesagt, ihnen werden unterentwickelte intellektuelle Fähigkeiten sowie mangelnde grammatikalisch und lexikalische Bildung unterstellt. Tatsächlich: Wenn wir einen Schnitt durch die Gesellschaftsschichten machen, werden wir relativ schnell feststellen, dass der Anteil der Rechten an Berufen, die einen erhöhten Intelligenzquotienten erfordern, unterproportional ausfällt. Warum ist das so? Anders gefragt: Warum sind die meisten Menschen mit höherer Bildung links? Die Antwort, die sie Dir natürlich geben, ist, dass die Wirklichkeit selbst links, gleichzeitig aber auch komplex, dass sie also nicht für jeden zu erschließen sei. Der Beobachter hebt die Augenbrauen und fragt: Wieso? Duchamp: Weil ich es sage! Das Motiv des Kunstwerks wird in den Kopf des Beobachters gedrängt, der es bejahen kann – oder auch nicht. Natürlich wurde Duchamp heftig kritisiert, aber im Endeffekt haben er und seine Geistesgenossen sich durchgesetzt und das geistige Paradigma der europäischen Moderne festgelegt: Den gewaltigen Bruch zwischen instinktiver Reaktion und intellektueller Entgegnung, zwischen Körper und Geist, zwischen Seele und Verstand, zwischen Reptiliengehirn und präfrontalem Cortex . Die Universitäten und hohen Künste waren nur der Anfang, von dort ist dieser Bruch in alle Kanäle, in Medien, Schulen, Politik, Populärkultur und so weiter gesickert. Das einzige, wo es komischerweise nicht funktioniert hat, war die Musik: Arnold Schönberg und seine Zwölftonkompositionen kann heute kein Mensch mehr hören. Musikalisches Harmoniebedürfnis ist anscheinend zu tief verankert. Welcher philosophische Ansatz spricht wohl aus diesem Urinal? Foto: picture alliance / dpa Die Kunst des Pissoirs Nicht zu erschließen ist zum Beispiel ein Künstler wie Marcel Duchamp. Der stellte sich 1917 hin, kaufte sich ein Pissoir, unterschrieb es mit einem Pseudonym und verkündete, es sei ein Kunstwerk. Das führt mich zurück zu den Wählern von FPÖ und AfD. Sie sind intellektuell möglicherweise unterbelichtet, aber genau das schützt sie vor den Begriffsverwirrungen von Duchamp und Co.: Sie sind nicht in der Lage, die mehr oder minder subtilen Botschaften zu empfangen, mit denen sie beschossen 60

COMPACT Leben werden. Ihre Gehirne funktionieren einfacher, naturverbundener als die der linken Intellektuellen: Das macht sie paradoxerweise zwar «dümmer», aber dafür weniger bescheuert. Sie sind nicht fähig, sich mittels mentaler Verrenkungen eine neue, andere Welt vorzustellen, in der Pissoirs Kunstwerke sind, der Mensch keine Heimatverbundenheit mehr hat und in der jeder Unterschied zwischen Männern und Frauen angeblich auf reaktionärer Konditionierung aus prähistorischer Zeit beruht und durch bloße Gender-Willenskraft überwindbar ist… Ich will damit sagen, dass das gesamte intellektuelle Klima der westlichen Welt von Grund auf verrottet und verkommen ist und ich nichts als die allerheftigste Verachtung für seine geistige Speerspitze empfinde, und dass ich sie dafür hasse, was sie uns antun, sogar noch mehr als die Journalisten, die halt einfach eine Blattlinie erfüllen. Was heißt rechts? Das alles soll nun nicht heißen, dass es keine intellektuelle Rechtfertigung für das Rechtssein gibt. Es gibt eine durchaus ehrenwerte Tradition, die diesen Bruch von Körper und Geist lange erkannt hat, sie wird nur bewusst ausgeblendet. Da zieht sich ein Faden von Burke zu Tocqueville zu Nietzsche zu Spengler zu Jünger – aber die meisten rechten Wähler haben wie gesagt nicht die Kapazitäten, sich durch die Sprache solcher Texte zu quälen. Das führt dazu, dass 95 Prozent überhaupt keine Ahnung haben, wie konservative Positionen theoretisch hergeleitet werden können – ihr Rechtssein kommt aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf. Rechts und links, das ist Reptiliengehirn versus präfrontaler Cortex. Was heißt das überhaupt, rechts sein? Die beste Definition, die ich jemals gelesen habe, war von Botho Strauß in seinem Anschwellenden Bocksgesang: «Es handelt sich um einen (…) Akt der Auflehnung: gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will. Anders als die linke, Heilsgeschichte parodierende Phantasie malt sich die rechte kein künftiges Weltreich aus, bedarf keiner Utopie, sondern sucht den Wiederanschluss an die lange Zeit, die unbewegte, ist ihrem Wesen nach Tiefenerinnerung und insofern eine religiöse oder protopolitische Initiation. Sie ist immer und existentiell eine Phantasie des Verlustes und nicht der (irdischen) Verheißung. Eine Phantasie also des Dichters, von Homer bis Hölderlin. (…) Nach Dezennien der kulturellen Gesamtveranstaltung Jugendlichkeit findet man nun vor eine ziemlich aufgezehrte Substanz von Jugend, (…) deren Überlieferungs- und Stimmungsgeschichte eine der Negationen und des Vaterhasses ist, hässliche Frucht aus der Vereinigung eines verordneten mit einem libertären bis psychopathischen Antifaschismus.» Die Auslöschung jeder Vergangenheit Der Unterschied zwischen links und rechts ist im Wesentlichen ein Unterschied zwischen den Bildern, die man sich von der menschlichen Natur macht. Ich glaube nicht an den neuen Menschen, ich habe ihn nie getroffen. Ich kenne nur Menschen wie mich selbst, die von Irrationalitäten beherrscht werden und immer in der Schwebe hängen zwischen zwei möglichen Dispositionen, zwischen Schroffheit und Entgegenkommen, Fröhlichkeit und Schmollen, Hilfsbereitschaft und Egoismus. Ich glaube nicht an eine Seele, die sich mit der Zeit wandeln könnte – dass es also möglich wäre, ihre Defizite restlos auszumerzen. Jede Kultur ist eine Antwort darauf, wie man mit diesen Defekten umgehen kann, höchst spezifisch und nicht austauschbar, weil über Ewigkeiten hinweg gewachsen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass jede Gruppe mit jeder anderen in Frieden leben könnte, der Imam mit drei Frauen neben dem Schwulenpärchen mit adoptiertem Kind und regelmäßigem Prostituiertenverkehr (glaubt mir, ich hab‘s erlebt). Das wäre nur in einer Gesellschaft möglich, in der jeder alles vergessen hat, was ihn ausmacht. Und genau das scheint mir das Ziel zu sein, genau das sehe ich, jedes Mal, wenn ich eine PR-Kam- Jakob Augstein mausterte sich zum Aushängeschild des selbstgefälligen Salonlinkentums. Foto: re:publica from Germany (Leaking Transparency), CC BY 2.0 ,Wikimedia Commons Friedrich Nietzsche. Foto: Public Domain, Wikimedia Commons 61

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