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COMPACT-Spezial 11

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Nitro und Glyzerin _ von

Nitro und Glyzerin _ von Jürgen Elsässer 12 Hillary Clinton und Angela Merkel sind Busenfreundinnen. Schon 1994 wurde die junge deutsche Politikerin von der First Lady entdeckt – und geht seither für amerikanische Interessen durch Dick und Dünn. Was wird wohl passieren, wenn die Zwei gleichzeitig an der Spitze der wichtigsten westlichen Nationen stehen? Die amerikanische Kanzlerin bedankt sich im US-Kapitol Anfang November 2009 artig für die deutsche Wiedervereinigung und bekommt stehende Ovationen. Foto: picture-alliance/ dpa «Wunderbarer Sinn für Humor». Clinton über Merkel Frank Walter Steinmeier ist die geborene Schlaftablette. Wie kaum ein Zweiter versteht er es, sein Publikum zu narkotisieren, indem er Nullitäten zwischen seinen schmalen Lippen hervorpresst. Egal, ob es um die Ukraine, um Syrien oder um den Brexit geht: Er beherrscht die Kunst, mit vielen Worten nichts zu sagen. Vor allem gegenüber Amerika vermeidet er jedes laute Wort. Doch gegenüber Donald Trump kam der Langweiler groß raus und trumpfte auf. «Das ist doch grotesk», schimpfte Steinmeier Ende Juli 2016. Einerseits wolle der Republikaner Amerika stark machen. «Aber mit demselben Brustton der Überzeugung sagt er, dass sich Amerika aus den Konflikten dieser Welt heraushalten solle. Wie das eine mit dem anderen zusammengeht, kann ich mir jedenfalls nicht erklären.» Moment mal: Waren es nicht immer sozialdemokratische Kanzler gewesen, die die Supermacht zu mehr Zurückhaltung vor allem in der Militärpolitik aufforderten? Ist der Russland-freundliche Kurs, den Trump im Wahlkampf andeutete, nicht die Entsprechung der Entspannungspolitik, für die die SPD immer geworben hatte? Man muss allerdings zugeben: Steinmeier tritt dieses Erbe schon seit mindestens drei Jahren mit Füßen – seit er in der Ukrainekrise den USfinanzierten Putsch stützte. Aber Skrupel sind dem Karrierediplomaten fremd. Anfang August polterte er weiter, bezeichnete Trump als «Hassprediger» und warnte vor dem «Ungeheuer des Nationalismus». Was würde wohl Willy Brandt dazu sagen, der mit dem Slogan «Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land» 1972 das historisch beste Wahlergebnis der SPD einfuhr? 45,8 Prozent waren es damals; heute ist die Partei froh, wenn sie sich über der 20-Prozent-Marke halten kann. Ziemlich beste Freundinnen Während der Außenminister Trump dämonisiert, lässt sich die Kanzlerin von Hillary Clinton vereinnahmen. «Der mächtigste Staatschef Europas war eine Frau», schreibt die Präsidentschaftskandidatin in ihrer Biografie Entscheidungen über die Christdemokratin. «Während meiner Zeit als Außenministerin wuchs meine Bewunderung für diese entschlossene, kluge und ehrliche Frau, die mir gegenüber nie verhehlte, was sie dachte.»

COMPACT Spezial _ Schicksalswahl für Deutschland Clinton bescheinigt Merkel auch einen «wunderbaren Sinn für Humor» – eine Eigenschaft, die die Deutschen an der verkniffenen Rautenfrau noch nicht bemerken durften. Im Juni 2011 brachte die Bundeskanzlerin bei einem Besuch in Washington als Gastgeschenk eine gerahmte Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit, auf der sie und und die US-Außenministerin zu sehen sind – ohne Köpfe, in ähnlichen Hosenanzügen und mit gleicher Handhaltung. «Wer ist Merkel, wer bin ich?», zitiert Clinton die Bildunterschrift der FAZ. Sinnlos fröhlich sieht man sie neben Merkel auf einem in der Autobiografie abgedruckten Foto. Das FAZ-Mitbringsel habe sie in ihrem Büro aufgehängt, schreibt Hillary. Wie sich die Busenfreundschaft mit «Angela» – beide nennen sich beim Vornamen – entwickelt hat, erzählt Clinton ebenfalls in ihrem Buch. Demnach wurde Merkel der First Lady schon 1994 bei einem Staatsbesuch des damaligen Präsidenten Bill Clinton in Berlin vorgestellt. «Eine junge Frau, die es noch weit bringen wird,» habe man ihr gesagt. Von Adenauer bis Schröder Seit der Gründung des westdeutschen Teilstaates 1949 war das Verhältnis zur stärksten Besatzungsmacht zwar eng gewesen – aber es war niemals eine Beziehung auf Augenhöhe. Die Amerikaner waren mit einer unerbittlichen Botschaft in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. «Dem deutschen Volk als Ganzes muss beigebracht werden, dass die gesamte Nation in eine rechtlose Verschwörung gegen die Würde der modernen Zivilisation verstrickt» gewesen sei, postulierten Präsident Franklin D. Roosevelt und sein Finanzminister Henry Morgenthau. Letzterer forderte, das besetzte Deutschland in einen Agrarstaat zu verwandeln. Doch Deindustrialisierung und Kollektivschuldthese wurden von der Siegermacht ad acta gelegt, als man die Westdeutschen im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion brauchte. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer (1949–1963) ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und opferte die Wiedervereinigung, die vom Sowjetführer Josef Stalin 1953 angeboten worden war, der Festigung seiner Separatrepublik als Frontstaat der NATO. Doch der «Alte aus Rhöndorf» ließ es sich auch nicht nehmen, mit dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle eine Sonderbeziehung aufzubauen und dadurch den Atlantismus auszubalancieren. Präsident John F. Kennedy bezeichnete er als «Schaumschläger». In das Intermezzo der Kanzlerschaften von Ludwig Erhard (1963–1966) und Kurt Georg Kiesinger (1966–1969) fallen die Spannungen um den Atomwaffensperrvertrag, den die BRD als «neues Versailles, und zwar von kosmischen Ausmaßen» (Franz Josef Strauß) ablehnte und erst nach jahrelangem Druck unterzeichnete. Die erstmalige Regierungsübernahme durch einen Sozialdemokraten wurde COMPACT 9/2013. Foto: COMPACT «Hassprediger». Steinmeier über Trump 7. Juni 2011: US-Präsident Barack Obama verleiht Kanzlerin Merkel die Freiheitsmedaille – die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten. Foto: Pete Souza/whitehouse.gov Ob «Kohls Mädchen» damals schon von den Amerikanern unter ihre Fittiche genommen wurde? So würde sich jedenfalls erklären, warum die Wahl- Mecklenburgerin, die über keinerlei innerparteiliche Lobby verfügte, 1998 mit Hilfe der ebenfalls Amerika-orientierten Bild-Zeitung Helmut Kohl als CDU-Vorsitzenden stürzen und sein Amt übernehmen konnte. Für Washington hat sich der Wechsel an der CDU-Spitze jedenfalls ausgezahlt. 13

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