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COMPACT-Spezial 11

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COMPACT Spezial _ Die Schattenregierung Das Netz der Dulles-Brüder _ von Karel Meissner Die Schattenregierung (1920 bis 1945): Die feinsten Adressen der US-Hochfinanz kooperierten mit Hitler – bevor sie sich mit Präsident Roosevelt auf einen Pakt einigten. John Foster Dulles war der juristische Berater der US-Delegation bei den Friedensverhandlungen in Versailles 1919. Dort knüpfte er erste Kontakte zu den US-amerikanischen Großbanken, insbesondere zum führenden Geldhaus von J.P. Morgan. Ein Jahr später arbeitete sein Bruder Allen für das State Department in Berlin und lernte einen gewissen Hjalmar Schacht kennen. Drei Jahre später wurde dieser Schacht zum ersten Mal Reichsbankpräsident und schaffte das Kunststück, die Hyperinflation zu stoppen. 1924 handelte er mit US- Vertretern einen Modus zur Umschuldung der deutschen Reparationszahlungen aus, den sogenannten Dawes-Plan. Mit am Konferenztisch der Washingtoner Delegation saß der Versailles-erprobte John Foster Dulles. Kurz gesagt, sah der Dawes-Plan vor, dass US-Finanzhäuser Deutschland das Kapital leihen sollten, mit dem die Weimarer Demokratie die Kriegsschulden zurückzahlen könnte. So begann die Scheinblüte der Goldenen Zwanziger – eine gewaltige und für die Gläubiger hochprofitable Blase, die am Schwarzen Freitag 1929 platzen sollte. 38 John Foster Dulles (rechts) 1956 bei Präsident Eisenhower. Foto: Public Domain, Wikimedia Commons «Sie trugen ihren Teil dazu bei, dem Faschismus an die Macht zu verhelfen.» US-Botschafter Dodd Halbwegs gebildete Zeitgenossen erinnern sich an die Blutspuren auf der angeblich makellosen Weste der US-Demokratie: Die Morde an John F. Kennedy und seinem Bruder Bobby. Watergate und die Iran-Contra-Affäre. Die unzähligen Kriege mit den Höhepunkten in Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan. Attentate und Putsche in anderen Ländern. Operationen unter falscher Flagge wie der 11. September 2001. Alle diese Ereignisse lassen sich auf ein Netzwerk zurückführen, das demokratiefeindliche Kreise in der US-Oligarchie schon in den 1920er Jahren knüpften und das später Teile des Geheimdienstes CIA und Spezialkommandos der US-Armee kontrollierte. Profitmaschine Versailles Die Schöpfer dieses Netzwerkes sind die Brüder Allen und John Foster Dulles. In den 1950er Jahren sollte der erstgenannte CIA-Chef, der andere US- Außenminister werden. Ihre Karriere begann aber bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei half ihnen ihr familiärer Hintergrund: Ihr Großvater John Watson Foster hatte das State Department geleitet und ihr Onkel, Robert Lansing, war unter Präsident Woodrow Wilson (1913–1921) ebenfalls im Außenministerium gewesen. Zur Schaltstelle der US-Kreditvergabe an Deutsch land wurde die Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell, und an den entscheidenden Schaltern dieser Kanzlei saßen die Gebrüder Dulles. Über sie liefen die Geldströme zwischen der Wall Street und der Weimarer Republik. Zu ihren Kunden gehörten die feinsten Adressen: die Rockefellers mit ihrer Chase National Bank, der Eisenbahnkönig Averil Harriman sowie die Investmentbanken J.P. Morgan und Goldman Sachs. Diese Geschäftsbeziehungen wurden auch nach der Machtergreifung der Nazis fortgeführt. «In den dreißiger Jahren hielten beide ihre schützende Hand über US-Unternehmen in Deutschland wie General Motors, ITT oder Standard Oil. (…) Die IG Farben, die Dresdner Bank und die Vereinigten Stahlwerke von Flick und Thyssen gehörten zu ihren Klienten, dazu einige deutsche Provinzregierungen», fasst Mathias Bröckers in seinem Buch Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9. zusammen. War das business as usual – oder heimliche Sympathie für die Nazis? Zumindest bei John Foster Dulles sprechen Indizien für Letzteres. Im März 1936 trug er an der Universität Princeton vor, die Machtübernahme von Mussolini und Hitler sei Teil eines «unvermeidbaren Kampfes zwischen diesen neuen dynamischen Nationen und statischen Nationen wie England und Frankreich». Es sei besser, die Konterrevolutionen in beiden Ländern zu akzeptieren, als Krieg zu führen. Wenn man Hitler nachgebe,

COMPACT Spezial _ Die Schattenregierung seien die derzeitigen Exzesse eine vorübergehende Phase. Nur folgerichtig war, dass John Foster im Weiteren die USA zur Zurückhaltung auf dem europäischen Kriegsschauplatz mahnte und öffentlich Präsident Franklin D. Roosevelt als «Kriegstreiber» beschimpfte. Allen Dulles hatte Adolf Hitler zum ersten Mal bereits Mitte der 1920er Jahre getroffen, und zwar auf Vermittlung von Konzernboss Fritz Thyssen. Dieser gehörte später zu den Geschäftspartnern, deren Interessen die Dulles-Brüder anwaltlich vertraten – auch dann noch, als Thyssen dem Nazi-Führer 1932 im Düsseldorfer Industrie-Club den Weg ins Kanzleramt geebnet hatte. Im Laufe der Jahre wuchsen die US-Investitionen in Deutschland an – von 1929 bis 1940 um beinahe 50 Prozent. Der Berliner US-Botschafter William E. Dodd warnte bereits 1937 in der New York Times: «Ich hatte auf meinem Posten in Berlin oft Gelegenheit zu beobachten, wie nah einige unserer amerikanischen regierenden Familien dem Nazi- Regime sind. Sie trugen ihren Teil dazu bei, dem Faschismus an die Macht zu verhelfen, und sie sind darum bemüht, ihn dort zu halten.» Der Putsch von Morgan & Co. Dodds Rede über die Versuche einer «Clique von US-Industriellen, unsere demokratische Regierung durch einen faschistischen Staat zu ersetzen», waren nicht metaphorisch gemeint. Am 4. März 1933 war tatsächlich ein Attentat auf den Präsidenten Franklin D.Roosevelt durchgeführt, 1934 ein faschistischer Putsch vorbereitet worden. Von dem Kongress-Ausschuss für unamerikanische Umtriebe wurde der Umsturzversuch untersucht und ausführlich dokumentiert. Das politische Resümee lautete, dass einflussreiche Kreise mittels einer faschistischen Massenorganisation eine Diktatur in den USA errichten wollten. Bei dieser Organisation handelte es sich um die im August 1934 gegründete American Liberty League (ALL). Im Vorstand dieser Organisation waren die Spitzen der Hochfinanz vertreten: J. P. Morgan, DuPont, Andrew Mellon, William S. Knudsen von General Motors, Joseph N. Pew jr. von Sun Oil. Mit der ALL waren mehrere Terrorgruppen assoziiert, die den Aufstand militärisch vorbereiteten. Dieser politische Eklat wurde heruntergespielt und – auch vom Präsidenten – unter den Teppich gekehrt. Roosevelt musste sich mit seinen potentiellen Mördern arrangieren. Einige der amerikanischen Nazi-Helfer gerieten immerhin nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 ins Visier der eigenen Justiz. Darunter John Prescott Bush, Vater des späteren 41. und Großvater des späteren 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten, damals Teilhaber des Eisenbahnkönigs Harriman. Wegen seiner Geschäfte mit Hitler-Deutschland wurden nach dem Kriegseintritt der USA seine Anteile an der Union Banking Corporation vom Staat konfisziert. Die Dulles-Brüder hingegen fielen nach oben. Sie stehen für die Pragmatiker unter der prodeutschen Fraktion des US-Establishments, die sich mit Präsident Roosevelt abfanden, nachdem der Putsch von 1934 gescheitert war. Ihr Zugeständnis bestand darin, sich nicht mehr gegen den populären Präsidenten zu stellen, sondern sich in die Kriegsanstrengungen einzuklinken. Roosevelt seinerseits musste den beiden zugestehen, möglichst viel aus der Hinterlassenschaft der Nazis zu retten und für die US-Nachkriegspolitik nutzbar zu machen. In der Anfang 2015 erstmals ausgestrahlten TV-Serie The Man in the High Castle von Regisseur Ridley Scott, hat die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen: Nazis beherrschen Amerika. Foto: Pressebild Amazon Verdeckte Geschäfte 1935 plädierte Allen Dulles dafür, die Berliner Niederlassung von Sullivan & Cromwell – die Spinne im Netz der deutschamerikanischen Beziehungen – zu schließen, und konnte sich damit gegen seinen Bruder durchsetzen. Doch beide pflegten über Umwege weiter Geschäftsbeziehungen mit dem Dritten Reich: John Foster nutzte dafür das deutsche Partnerbüro von Sullivan & Cromwell, die Kanzlei Albert & Westrick. Und Allen ging 1937 in den Aufsichtsrat der J. Henry Schroeder Bank, die das Time Magazin zwei Jahre später als den «ökonomischen Verstärker der Achse Rom–Berlin» bezeichnete. Der Großvater von George W. Bush wurde wegen seiner Geschäfte mit Hitler-Deutschland verurteilt. _ Karel Meissner ist COMPACT-Korrespondent in Birmingham. Allen Dulles. Foto: Public domain,Wikimedia Commons 39

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