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COMPACT-Spezial 12

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Ein Wolpertinger an der

Ein Wolpertinger an der Spree _ von Gerhard Keil Anton Hofreiter gilt als linker Flügelmann der Grünen, weil er rein optisch an die ökologischen Waldschrate aus der Parteigründungszeit erinnert. Aber sonst ist nichts an ihm, was ihn vom Mainstream unterscheidet. Der Bayer bezieht sich positiv auf seine Heimat – wenn es für die Grünen gut ist. Er ist nicht gerade das, was man sich unter einem Hoffnungsträger vorzustellen gewohnt ist, obgleich die Grünen nach der versemmelten Bundestagswahl 2013 eines solchen bedurft hätten. Die Rede ist von Anton Hofreiter, dem seit Oktober 2013 neben Katrin Göring-Eckardt zweiten Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Wer ist nun dieser Mann, sofern man im Zeitalter des Gender-Wahns über ein Mitglied dieser die Biologie aushebeln wollenden Partei noch so fragen darf? Woran sich eine weitere interessante Frage anschließen ließe, nämlich ob der promovierte Biologe Hofreiter sich überhaupt unzweifelhaft über sein Geschlecht im Klaren ist beziehungsweise es programmatisch sein darf. sich selbst ungern auf Parteiflügel festlegen lässt, wird er seitens der Medien nachhaltig der Parteilinken zugeordnet. Was auf den ersten Blick wie eine makellose Karriere aussieht, bekam im Mai 2014 einen Knick, als öffentlich wurde, dass Hofreiter von 2005 bis 2014 seine Berliner Zweitwohnung nicht angemeldet und dafür keine Steuern gezahlt hatte. Er selbst sprach – ungeachtet des in Rede stehenden Zeitraums von etwa neun Jahren – von einem Versehen. Er hat die Steuern nachbezahlt und bewirbt sich bei Redaktionsschluss als Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl im Herbst 2017. Dabei steht er in Konkurrenz zum Bundesvorsitzenden Cem Özdemir und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein Robert Habeck. Das Ergebnis der Mitgliederbefragung soll dann im Januar 2017 verkündet werden. 18 Vor seiner Zeit im Bundestag war Hofreiter als Kommunalpolitiker aktiv. Foto: Grüne Bundestagsfraktion, CC BY 2.0, flickr.com Der 1970 geborene Anton Hofreiter ist bereits seit 1986 grünes Parteimitglied und sitzt für diese Truppe seit 2005 im Bundestag. Zwischen 2011 und 2013 war er Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Und, auch wenn er Sich ideologisch stilgerecht, ganz im Sinne eines antiautoritär erzogenen Kindes zu vermarkten, liegt dem Anton Hofreiter. In seiner Erscheinung entspricht der Niederbayer – mit seinem wiegenden Gang, seiner schulterlangen Mähne, dem offe-

COMPACT Spezial _ Rothfront marschiert nen obersten Hemdknopf und der Regenbogenfahne am linken Revers – zumindest der landläufigen Vorstellung eines klassischen Grünen. Und wer inhaltlich wie rhetorisch keine allzu großen Erwartungen an diese Partei hat, darf selbiges auch über sein, naja, Redetalent behaupten. Legt man noch seine Aussagen zur «Verteidigung des großen Friedensprojekts der europäischen Einigung» – so Hofreiters Wortwahl – zugrunde, könnte man sich angesichts der Einmischung von EU und NATO in der Ukraine und anderswo auch an ein Hans-Söllner- Lied erinnert fühlen, in dem es heißt: «Meine Haar wer’n immer länger, immer kürzer mein Verstand»… Offen für alles Inzwischen regieren Bündnis90/Die Grünen auf Länderebene in sieben unterschiedlichen Konstellationen, dabei in Sachsen-Anhalt sogar gleichzeitig mit SPD und CDU. Auch Hofreiter sieht Schwarz-Grün wie Rot-Rot-Grün als gleichermaßen wünschenswerte Optionen – wie beim sagenhaften Wolpertinger lässt sich auch sein Wesen nicht genau definieren. Bezeichnend vielleicht nicht nur für seine Gesinnung, sondern auch für das partielle Aufbrechen politischer Strukturen ist, dass er Ende Oktober 2016 in einem Interview gegenüber RP-online auf die Frage, welches denn das größte inhaltliche Hindernis für eine rot-rot-grüne Koalition im Bund wäre, zur Antwort gab: «Das ungeklärte Verhältnis der Linken zur Europäischen Union. Teile der Linkspartei wollen zurück zum Nationalstaat, das ist mit uns nicht zu machen.» Bei jemandem, der darauf verweist, während seines Studiums in den südamerikanischen Tropen erlebt zu haben, was Armut heißt – vielleicht, weil er sich in den sozialen Brennpunkten der Heimat nicht umsah –, aber heute über Armutsberichte in Deutschland zu debattieren beansprucht, braucht man sich über ein gestörtes Verhältnis zur Nation womöglich nicht allzu sehr zu wundern. Die sogenannte «offene Gesellschaft» ist Hofreiters Herzensanliegen, weshalb er auch Merkels Aufnahme von Flüchtlingen für richtig befand – Grüne wie er mutierten zu Erfüllungsgehilfen der Regierung. Die Oppositionsrolle entdeckten sie erst wieder, als das Innenministerium bei den ersten Syrern den Familiennachzug aussetzte… Wer sich anderslautend äußert, läuft Gefahr, von ihm zu den «Hassbürger*innen» gerechnet zu werden, die – so Hofreiter – «unser friedliches Zusammenleben in Gefahr bringen». Hier endet dann die demokratische Toleranz… Ball Paradox Diplom-Biologe Hofreiter spricht sich für die Bewahrung der Artenvielfalt in der Natur aus – aber bringt es nicht fertig, die vielfältigen Biotope der menschlichen Gemeinschaften zu respektieren. Er thematisiert Probleme mit Neophyten – sprich Pflanzen, die sich in Gebieten ansiedeln, in denen sie zuvor nicht heimisch waren –, aber ignoriert unkontrollierte Siedlungsbewegungen bei der menschlichen Spezies – dies ist für ihn nicht Zerstörung, sondern Bereicherung. Vermutlich ist der Mann in anderen Milieus als beispielsweise in Duisburg-Marxloh zu Hause… Widersprüchlich mutet es an, wenn Hofreiter eine Ablehnung der doppelten Staatsbürgerschaft oder die Forderung nach einem Burka-Verbot als integrationsfeindlich verunglimpft. Verstehen kann diese seltsame Argumentationslogik womög- Verkehrspolitik heißt für die Grünen vor allem Zurückdrängung des Autoverkehrs. Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, CC BY 2.0, flickr.com Hofreiter will Benzin- und Dieselautos ab 2030 verbieten. Bild links: Ist das auch Bio-Bier? Foto: Metropolico.org, CC BY-SA 2.0, flickr.com Hochburgen der Bionade-Bourgeoisie Zweitstimmenanteil von Bündnis 90/Die Grünen bei der Bundestagswahl 2009 Hamburg Berlin > 0–5 % > 5–10 % > 10–15 % > 15–20 % > 20 % Quelle: Wikipedia Grafik: COMPACT 19

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