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COMPACT-Spezial 12

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COMPACT Spezial _ Rothfront marschiert In diesem Video wird Özdemir zu seiner Vergangenheit bei Atlantik- Brücke und Bilderbergern befragt. Eine seine Antworten an den Reporter: «Was sagt denn Ihr Therapeut dazu?» Foto: Screenshot YouTube/ Buergerberg Diese Windmühle wird wohl keine Anwohnerproteste auslösen. Foto: Metropolico.org, CC BY-SA 2.0, flickr.com Immer in der ersten Reihe: Grünen-Chef Cem Özdemir beim Gebet auf der Straße vor der Mevlana- Moschee in Berlin-Kreuzberg. Foto: picture alliance / dpa Zeit im Kindergarten stand offenbar unter keinem guten Stern: Özdemir wurde verdächtigt, einem anderen Kind die Wasserpistole gestohlen zu haben. Alle Kinder hätten damals mittags nach Hause gedurft, nur er nicht, klagt der Neu-Schwabe. Er habe dableiben müssen, «bis ich die Pistole zurückgegeben oder gefunden hätte». Da weinte der kleine Cem und traute sich nicht, seinen Eltern zu erzählen, was passiert war. Özdemir lässt in der Biographie keinen Zweifel daran, dass für ihn auch in diesem Fall das Private höchst politisch ist: «Noch heute weisen die Tatverdächtigen und Verurteilten- Statistiken bei «ausländischen» Tätern eine besondere Diskrepanz auf.» Ohnehin habe die Erzieherin «ihre pädagogischen Vorstellungen wahrscheinlich zwischen 1933 und 1945 entwickelt». «Damals herrschte eine Stimmung der geistigen Brandstiftung in der deutschen Politik.» Cem Özdemir Nicht besser lief es in der Schule. Schon die erste Schulstunde musste Cem auf einem Bein stehend und mit dem Gesicht zur Ecke des Klassenraums verbringen. Warum, das hab er «verdrängt», meint Özdemir. Schon in der ersten Klasse blieb er sitzen. Die Lehrerin soll laut seinen Schilderungen zu seiner Mutter gesagt haben: «Beim Cem ist es ja eh egal, ob der sitzenbleibt oder nicht. Den werden sie ja wahrscheinlich eh in die Türkei zurückschicken.» Eindringlich schildert Özdemir die Erfahrungen mit einem Erdkundelehrer, der seine Schüler bei Bestrafungen fragte, ob sie lieber einen Schlag auf den Kopf oder einen Eintrag ins Klassenbuch wollten. Es sei «offenbar unmöglich» gewesen, so Özdemir, «einmal nicht auf mindestens einen Vertreter spätwilhelminischer Erziehungsmethoden zu treffen, der seinen Unterricht als eine Art Stahlgewitter inszenierte». Krieg für die bosnischen Brüder Mit der Politik kam Özdemir schon früh in Kontakt; bereits als 16-Jähriger tritt er den Grünen bei. «Die Faust in der Tasche» habe er gehabt, schreibt Özdemir, und gemeint, «alles müsste sich radikal ändern». Seine endgültige Entscheidung, eine politische Karriere anzustreben, war für Özdemir «mit den Namen der Städte Mölln, Solingen, Kemnat und Hoyerswerda verbunden», wo es Anfang der 1990er Jahre zu fremdenfeindlichen Übergriffen und Morden kam. «Damals herrschte eine Stimmung der geistigen Brandstiftung in der deutschen Politik», behauptet Özdemir. «Jeder durfte gegen Ausländer sagen, was er wollte.» Anstatt Maßnahmen zur Verhinderung rechter Gewalt zu beschließen, hätten Union, FDP und SPD 1994 das Grundrecht auf Asyl abgeschafft. In seinem Buch Currywurst und Döner (1999) wirft Özdemir der Kohl-Regierung immer wieder vor, sie halte an «völkischen» Einwanderungsgesetzen fest. Dass in jenen Jahren die Einwanderung real massiv zunahm, interessiert Özdemir nicht. Neben der Integrationspolitik beschäftigte sich der Deutsch-Türke immer wieder mit außenpolitischen Fragen. Und mit Krieg. Seine Position bei seiner Kandidatur um einen Listenplatz für den Bundestag, dem Bürgerkrieg in Bosnien (1992 bis 1995) 22

COMPACT Spezial _ Rothfront marschiert Kleingärtner Cem? – Der Hanf scheint gut zu gedeihen. Foto: Screenshot YouTube «auch mit militärischen Mitteln ein Ende zu bereiten», ging der Mehrheit der Grünen zu weit, erinnert sich Özdemir. Europa wirft er vor, dass dessen «jahrelanges Zögern», seine Glaubensbrüder in Bosnien zu schützen, zu «Verbitterung bei vielen Muslimen in Europa» geführt habe. Deswegen kritisierte er auch die linken Strömungen innerhalb der Grünen heftig. Diese hätten «die Gefangenenlager in Bosnien als Propagandalüge» dargestellt. Und: «Die Auschwitzlüge wird unter Umständen mit Gefängnis bestraft, aber als ”Linker” durfte man so etwas zum Völkermord in Bosnien sagen und galt sogar noch als Tabubrecher im positiven Sinn.» Wieder dasselbe wie bei der Einwanderungsdebatte: Ideologiekritik statt Faktencheck. Die «Srebrenica-Leugner» werden den «Auschwitz-Leugnern» gleichgestellt, ohne zu untersuchen, ob die Gefangenenlager in Bosnien, die es zweifellos gab, mit KZs vergleichbar waren. Schützenhilfe aus den USA Neben dem Vorwurf des Verrats an pazifistischen Grundsätzen der Grünen wurde ihm, dem «türkischen» Bundestags-Kandidaten, Agententätigkeit für den türkischen Geheimdienst vorgeworfen. Ein kurdischer Verein verteilte Flugblätter, um die Grünen vor Özdemir zu warnen. Dieser weist die Vorwürfe vehement als absurd zurück. Schließlich gelingt ihm trotz vieler politischer Scharmützel ein erneuter Einzug in den Bundestag 1998 und damit sein weiterer politischer Aufstieg. Dann holt ihn seine Vergangenheit ein. 1997 hatte das Finanzamt auf einen Schlag 70.000 D-Mark Nachzahlung von dem Deutsch-Türken gefordert. «Ich hatte meine Finanzen nicht im Griff», sagte Özdemir im Rückblick. Der PR-Berater Moritz Hunzinger verschafft Özdemir daraufhin 1999 einen Kredit über 80.000 D-Mark. Die Sache flog im Jahre 2002 auf – und dann wurde ihm auch noch vorgeworfen, dienstlich erworbene Bonusmeilen für Flüge privat verflogen zu haben. Keine schweren Vorwürfe im Vergleich zu anderen Politiker-Affären, doch die Grünen wollten sich damals noch besonders moralisch geben. Özdemir legte daher sein Mandat und sein Amt als innenpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion nieder, und 2003 verschwand er mit einem Stipendium nach Amerika. «Ich hätte mir auch vorstellen können, dort zu bleiben, ich war fertig mit der Politik», sagt Özdemir. Ohnehin sind die USA neben der Türkei ein Land, zu dem er besondere Beziehungen pflegt: Er durchlief das sogenannte «Young Leaders-Programm» der Atlantik-Brücke, welches Nachwuchskräfte in pro-amerikanische Netzwerke einbinden soll und auch Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gefördert hat. Während seiner Zeit in Amerika hält Özdemir Reden an Elite-Universitäten wie Berkeley und knüpft Kontakte zum Project for the New American Century (PNAC), der bedeutendsten Denkfabrik der Neokonservativen um George W. Bush. Im Jahr 2004 gehört er zu den Unterzeichnern des PNAC-Aufrufes gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin. In den USA knüpfte Özdemir Kontakte zu den Neokonservativen um George W. Bush. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im selben Jahr zieht Özdemir ins Europaparlament ein und wird dort Mitglied im Außenpolitischen Ausschuss. Aufgrund dieser Vorgeschichte hat es für Kritiker einen faden Beigeschmack, dass nicht wenige seiner politischen Positionen mit den Interessen der US- Regierung deckungsgleich sind. So plädiert Özdemir immer wieder eindringlich für eine europäische Banken- und Schuldenunion, befürwortet den EU- Beitritt der Türkei und gehört dem European Council of Foreign Relations an, einem der wichtigen transatlantischen Thinktanks. Umgekehrt trat er 2011 aus dem Verein Werkstatt Deutschland aus, aus Protest gegen dessen geplante Verleihung des Quadriga-Einheitspreises an Putin. Wo er gerne seinen Zweitwohnsitz hätte, wollte der Focus einmal in einem Fragebogen von Özdemir wissen. Antwort des Grünen-Parteichefs: «Gegenwärtig reicht mir mein Erstwohnsitz völlig aus. Später lässt sich vielleicht einmal über New York oder Istanbul nachdenken.» Cem-Trails gegen Erdogan Wer gegen Pegida ist, so lautet Cem Özdemirs jüngster Coup, der müsse auch «gegen Türgida» vorgehen – gegen die nationalistischen Einpeitscher, die in anatolischen Vereinen und in den Moscheen der türkischen Religionsbehörde DITIB aktiv sind. Auch ansonsten kehrt der anatolische Schwabe jetzt, da es auf die Bundestagswahl zugeht, seine deutsche Seite nach außen. Er kann sich zu Gute halten, dass er die Armenienresolution des Bundestages initiiert hat. Der Sultan vom Bosporus beschimpfte ihn daraufhin in einer international ausgestrahlten Hassrede als «angeblichen Türken», sein Blut sei verunreinigt. Auch mit der Forderung nach Bewaffnung der kurdischen Peschmerga – «Mit Yogamatten kann man den Islamischen Staat nicht bekämpfen» – zog er sich den Zorn Ankaras zu. Mit dem Versuch einer doppelten Abgrenzung – einerseits zu Erdogans Regime, andererseits zu den sogenannten Rechtspopulisten in Deutschland – versucht Özdemir zu punkten. Immerhin unterscheidet er sich damit positiv von SPD und CDU, die dem türkischen Autokraten huldigen und einseitig nur auf AfD, Pegida und «das Pack» einprügeln. Alles Rassististen außer Cem. Foto: gruene.de _ Lion Edler ist freier Journalist und lebt in Berlin. 23

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