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COMPACT-Spezial 12

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COMPACT Spezial _ Rothfront marschiert Legal, illegal, scheißegal _ von Jürgen Elsässer Der Verfassungsschutz behauptet, keine Erkenntnisse über Jürgen Trittin zu haben. Das ist schwer vorstellbar, wie ich aus eigener Erfahrung weiß: Seine Sturm-und-Drang-Jahre waren auch die meinen. Kurz darauf musste die Zeitung kläglich zurückrudern: Ein größerer Bildausschnitt machte offenkundig, dass der vermeintliche Schlagstock ein Halteseil und der vermeintliche Bolzenschneider nur Teil eines Dachgepäckträgers gewesen war. Damit war der Versuch, den damaligen Umweltminister wegen früherer Verwicklung in politische Gewaltkriminalität vorzuführen, bereits im Ansatz zusammengebrochen, als bösartige Kampagne entlarvt. Im Unterschied zu Joschka Fischer, der immer wieder gegen die Schatten seiner militanten Vergangenheit kämpfen musste, war Trittin fein heraus. Und je mehr er sich in der Folge mit seinem Schnauzbart auch mancher verbalen Schnauzigkeit entledigte, je besser sein Styling und je gesetzter sein Auftreten wurden, desto besser eignete er sich als Aushängeschild für die neue Bürgerlichkeit der Grünen. Trittin und die Autonomen Hätte die Bild-Zeitung – um Trittin zu schaden oder um ihm zu nutzen? – damals nicht so dilettantisch überdreht, hätte das Foto sehr wohl eine Diskussion auslösen können. Denn keine Fälschung war, dass die Aufnahme den grünen Politiker umringt von Autonomen zeigt, die bis zu den Augenschlitzen schwarz verhüllt waren. Im Unterschied zu Joschka Fischer stand Trittin nicht mehr im Schatten seiner Vergangenheit. 30 Jürgin Trittin kam über den Kommunistischen Bund und dessen Abspaltung Gruppe Z zu den Grünen. Foto: Harald Krichel, CC BY-SA 3.0,Wikimedia Commons Einen größeren Gefallen hätte ihm die Bild-Zeitung nicht tun können: «Was macht Minister Trittin auf dieser Gewalt-Demo?», lautete ihre Schlagzeile am 29. Januar 2001. Gezeigt wurde ein Foto aus dem Jahr 1994 in Göttingen, wo neben Trittin zwei Personen laufen, die – so die Beschriftung des Springer-Blattes – mit «Bolzenschneider» und mit «Schlagstock» ausgerüstet waren. Was aber macht ein Landesminister – Trittin gehörte damals der rot-grünen Regierung in Niedersachsen an – inmitten von Leuten, die sich dem gesetzlichen Vermummungsverbot widersetzen? Ein Aktenvermerk des niedersächsischen Landeskriminalamtes von 1993 gibt Auskunft: Im Mai dieses Jahres hatte ein Observationsteam Trittin bei einem Treffen mit Aktivisten der linksradikalen Göttinger Hardcore-Truppe Antifa M fotografiert. «Die Top-Kader der linksradikalen Clique – 17 von ihnen wurden später wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung angeklagt – saßen jeden Mittwoch in einem Büro der Grünen und heckten dort oft Randalestrategien aus», bekam der Focus später heraus. Demnach wollte die Generalstaatsanwaltschaft Celle damals sogar Ermittlungen gegen Trittin wegen «Unterstützung einer kriminellen Vereini-

COMPACT Spezial _ Rothfront marschiert gung» einleiten. «Die Landesregierung unter Ministerpräsident Gerhard Schröder blockte das geplante Verfahren indes rigoros ab – Trittin war zu der Zeit Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten», berichtete das Magazin weiter. Die Achse Schröder-Trittin funktionierte auch in der Bundesregierung, als die Diskussion im Januar 2001 wieder losging. In einer Fragestunde des Bundestages sagte der zuständige Staatssekretär Fritz- Rudolf Körper (SPD), dem Verfassungsschutz lägen keine Erkenntnisse über Trittins politische Aktivitäten in den 1970er Jahren vor. Ein Staatsschützer amüsierte sich: «Da gibt’s doch jede Menge.» Diese Einschätzung kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Denn in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre gehörte ich, ebenso wie Trittin, dem Kommunistischen Bund (KB) an. Während ich aber bei der eher unbedeutenden Sympathisantenzelle in Freiburg im Breisgau herumwerkelte, lernte Trittin sein politisches Handwerkszeug bei einer der stärksten KB-Ortsgruppen in Göttingen. Das Jahr 1977 stand für eine doppelte Entwicklung: Zum einen intensivierte die RAF ihre Terroranschläge, zum anderen gab es mit der entstehenden Anti-Atom-Bewegung ein Wiederaufleben linker Massenmilitanz. In beiden Punkten sollten der KB und insbesondere seine Göttinger Filiale eine besondere Rolle spielen. Trittin und die RAF Was das Verhältnis von Trittin zum Terror der RAF angeht, hat Michael Buback einigen Staub aufgewirbelt. Dessen Vater, der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, war am Gründonnerstag 1977 samt seinen Begleitern von einem RAF-Kommando auf offener Straße in Karlsruhe erschossen worden. Kurz darauf veröffentlichte die Göttinger Studentenvertretung AStA in ihrer Zeitung den Nachruf eines anonymen Mescalero, der das Attentat zwar ablehnte, jedoch vor allem taktische Gründe dafür anführte und seine «klammheimliche Freude» über den Mord nicht verhehlen wollte. Der Göttinger AStA wurde damals von einer Spontiliste, aus deren Dunstreis der anonyme Autor kam, und von einem Bündnis unter Dominanz der KB-Hochschulgruppe gebildet. gelobt und die klammheimliche Freude des Autors als lediglich «sehr unstaatsmännische Einlassung» verharmlost hatte. Als Buback Ende Januar 2001 per Zufall Trittin im Zug traf, stellte er ihn zur Rede und fragte, ob er sich nicht endlich von dem Text distanzieren wolle. Daraufhin Trittin: «Warum sollte ich?» Und weiter: «Haben Sie ihn zu Ende gelesen?» Göttinger Studenten äußerten «klammheimliche Freude» über das Buback-Attentat. Die Konversation schlug Wellen, weil Buback noch am selben Tag in der ARD-Talkshow von Sabine Christiansen davon berichtete. Erst dann schob Trittin eine Distanzierung vom Mescalero-Nachruf nach, nicht ohne Buback gleich darauf bei Maischberger zu bezichtigen, dieser habe die Zug-Konversation im Zusammenspiel mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung öffentlich gemacht. Als ihm Buback daraufhin einen enttäuschten Brief schrieb, zog er auch diese Behauptung zurück – allerdings nicht im Fernsehen, sondern als persönliches Fax. Dieses geschickte Lavieren – zwei Schritte vor, einer zurück – ist typisch für Trittin. Buback brach daraufhin die Diskussion ab. «Zu enttäuscht war ich, und es war mir klargeworden, dass es ein lächerliches Unterfangen ist, wenn ein Normalbürger eine Auseinandersetzung mit einem im politischen Machtgefüge dringend benötigten Bundesminister hat.» So viel Stil wie das cineastische Vorbild hatte Trittin nie. Foto: COMPACT Trittins Karriere führte ihn vom Schwarzen Block zum Lager der Atlantiker – ohne bleibende Schäden: Hier spricht er während der Münchner Sicherheitskonferenz 2015. Foto: MSC / Kleinschmidt Trittin gehörte zwar in diesem Jahr noch nicht der Studentenvertretung an, verteidigte aber als guter KB-Genosse die Veröffentlichung des Pamphlets. Als sich Michael Buback viele Jahre später um die Aufklärung des Mordes an seinem Vater bemühte, stieß er auf einen FAZ-Artikel, in dem Trittin noch als niedersächsischer Minister den Mescalero-Text als «radikal pazifistische Absage an den Terrorismus» 31

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