Aufrufe
vor 11 Monaten

COMPACT-Spezial 12

  • Text
  • Partei
  • Compact
  • Fischer
  • Deutschland
  • Spezial
  • Trittin
  • Beck
  • Deutschen
  • Krieg
  • Deutsche

COMPACT

COMPACT Spezial _ Abendland wird abgebrannt Roth gegen Trump Totaler Realitätsverlust: Einen Monat vor der US-Wahl wetterte Claudia Roth über Donald Trump. Anlass war eine Tonaufnahme aus dem Jahr 2005, in der sich der Republikaner im Macho-Stil über Frauen unterhält. «Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth verlangte, Trump aus dem Rennen um die US-Präsidentschaft zu nehmen», schrieb Welt Online am 9. Oktober 2016. «Ein Mann, der es für eine starke Sache hält, Frauen anzufallen, der sollte heutzutage keinerlei öffentliche Bühne mehr bekommen», wird Roth zitiert. Wie sie Trumps Präsidentschaft genau verhindern wollte, blieb Roths Geheimnis. Claudia Roth. Foto: Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen, CC- BY-SA 2.0, flickr.com Rebecca Harms. Foto: Bündnis 90/ Die Grünen, CC-BY-SA 2.0, flickr. com Anscheinend aus Furcht, selbst zum Gespenst erklärt zu werden, verweigerte EU-Politikerin Rebecca Harms sogar anzuerkennen, dass sie und The Donald die Ablehnung des sogenannten Freihandelsabkommens TTIP teilen. Schnittmengen mit einem angeblichen Rechtspopulisten? Für Grüne ein Sakrileg. Die «Gründe, die Grüne angeführt haben gegen das Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten, die Gründe sind nicht die Gründe, die Donald Trump da reiten», stotterte Harms im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. «Ich kann das nicht als Einzelpunkt jetzt plötzlich positiv herausgreifen, weil, für mich ist das keine positive Perspektive, dass ein wahrscheinlich nationalistischer Präsident die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu anderen Teilen der Welt unter völlig neuen Gesichtspunkten bereit ist zu gestalten.» Armleuchter und Horrorclowns Zwei Tage nach dem Wahlschock riefen die grünen Männchen und Weibchen (und was es noch dazwischen gibt) auf ihrem Bundesparteitag in Münster eine liberale Gegenoffensive aus. «Wie beim Brexit», beschlich Özdemir das Gefühl, werde «das Undenkbare (…) leider immer denkbarer». Entschlossen erklärte der anatolische Schwabe: «Wir werden uns nicht in das Schneckenhaus zurückziehen, sondern wir werden weiterkämpfen für eine bessere Welt.» Auf ihre Art mit dem verhassten Populismus flirtend, eiferte Göring-Eckardt: «Die Stärke unseres freien Europas ist, dass wir uns gegenseitig akzeptieren. Toleranz ist auch Verpflichtung an uns selbst. Die Armleuchter gehören eben auch dazu.» Die 50-jährige Fraktionschefin will, dass ihre Partei «Hass mit Haltung» begegne. Aber: «Wenn jemand ein Rassist ist und wenn jemand Sexist ist, dann sagen wir das auch.» Ironisch ist das nicht gemeint. Foto: gruene.de, CC-BY-3.0 Gesagt, getan, dachte sich wohl Bastian Hermisson, Leiter der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Washington. «Donald Trump, dieser autoritäre Sexist, dieser rassistische Demagoge, dieser unerträgliche Narzisst wird nun der mächtigste Mann der Welt», fasste Hermisson für die Zuspätkommer nochmal zusammen. Doch dann überraschte er mit einer Prise Selbstkritik. Das liberale US-Establishment habe das amerikanische Volk jahrelang arrogant bevormundet, so der ehemalige Berater Göring-Eckardts. «Aber, liebe Freundinnen und Freunde, gerade wir Grüne sollten uns da an die eigene Nase fassen.» Zu vereinzeltem Applaus fügte er hinzu: «Viele von uns gehören zu genau diesen Eliten.» Es gehe darum, «einen respektvollen und offenen Umgang mit allen anderen zu pflegen, die aus uns fremden Milieus kommen, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen». So etwas hört man von der Latte-Macchiato-Bourgeoisie selten. Der zweite Schritt zur selbsterklärten Rettung der Demokratie war wiederum charakteristisch grün: «Der dystopischen Erzählung der Rechten sollten wir eine utopische liberale Erzählung entgegensetzen», fabulierte der Angereiste, «unterlegt mit konkreten Projekten, die Orientierung vermitteln und Zuversicht.» «Wenn jemand ein Rassist und Sexist ist, dann sagen wir das auch.» Göring-Eckardt 44 Daraufhin musste Claudia Roth wieder Stimmung in die Bude bringen. «Sie scheinen sich gerade wieder verabredet zu haben», legte sie aufgekratzt los, «die Breitbeinigen, die Flegelhaften, die Testosterongesteuerten (…). Diese Trumps, diese Erdogans, die Putins, diese Orbans, die Gaulands und diese ganzen AfD-Konsorten.» Mit der Begeisterungsfähigkeit eines Horrorclowns beorderte Roth erstmal demonstrativ die anwesenden Frauen auf die Bühne. Wo ist Donald Trump, wenn man ihn mal braucht? Über seine Vorwahlkampfkonkurrentin, Carly Fiorina, soll er einmal gesagt haben: «Seht Euch dieses Gesicht an. Wer würde so etwas wählen?»

Oma Künast fährt im Kälberstall Motorrad _ von Jürgen Elsässer Das postfaktische Zeitalter begann schon vor 20 Jahren, und an seiner Wiege standen die Grünen und andere Achtundsechziger. Anstatt die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen, bemühte man Moral und Moralin als Totschläger im politischen Disput. Wie Indifferenz und Beliebigkeit mit der Verachtung der Wahrheit und der Ablehnung von Fakten zusammenhängen, zeigt sich im Imperativ des achtundsechziger Vordenkers Michel Foucault: «Gebrauche das Denken nicht, um eine politische Praxis auf Wahrheit zu gründen.» Auch Richard Rorty, einem der wichtigsten Vertreter der angelsächsischen Positivisten, ist vor allem die Tradition verhasst, «welche den Begriff der Wahrheit in den Mittelpunkt stellt». Nach seiner Ansicht «ist ”Wissen und Erkenntnis” – ebenso wie ”Wahrheit” – schlicht ein Lob, das man der Überzeugung spendet, die man für derart gerechtfertigt erachtet, dass eine weitere Rechtfertigung zur Zeit nicht vonnöten sei». Um eine bestimmte Position zu vertreten, brauche man «keine erkenntnistheoretische oder metaphysische Basis, sondern nur eine ethische». Die postmoderne Zerstörung des Wahrheitsbegriffs wurde etwa bei der Krise um den sogenannten Rinderwahnsinn (wissenschaftliche Abkürzung: BSE) zu Anfang des neuen Jahrtausends deutlich. Nachdem im November 2000 die erste deutsche BSE- Kuh aufgetaucht war, gab die grün-nahe Tageszeitung die Devise aus: «es geht jetzt nicht um die Versachlichung des Themas, wie immer wieder gefordert wird. Es geht um Emotion: Wut, Angst und grenzenloser Ekel sind die einzig adäquate Reaktion auf die Rinderseuche und ihr gewaltiges Bedrohungspotential.» Der Absatz der Fleischbranche sackte um 30 bis 50 Prozent ab, Großküchen und Firmenkantinen strichen Rind und Kalb von den Speiseplänen. Kriegsberichterstatter rapportierten von der unsichtbaren Front, die quer durch Kühlschränke und über Esstische verlief. Die Taz half täglich mit BSE-freien Rezepten und warnte, dass «Braten, Kochen und Einfrieren» keinen Schutz bieten. Der Berliner Kurier hatte herausgefunden, dass BSE «auch in Gemüse» vorkommen könnte. Mit solchen und ähnlichen Äußerungen wurde eine Panik stimuliert, die den Rindfleischabsatz in Deutschland einbrechen ließ. Was Ergebnis grüner Regierungspropaganda war, wurde dann als Sachzwang verkauft: die Vernichtung unverkäuflicher Überproduktion. Am Ende ließ die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast eine halbe Million Kühe als Sondermüll verbrennen – auf den bloßen Verdacht hin, sie seien infiziert. Renate Künast ließ eine halbe Million Kühe als Sondermüll verbrennen. Renate Künast war zwischen 2001 und 2005 Bundesministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Foto: Harald Krichel, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons 45

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf