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COMPACT-Spezial 12

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Hippies mit Joint und

Hippies mit Joint und Kalaschnikow _ von Jürgen Elsässer 48 Freiheit für alle: Wie Grüne und Achtundsechziger lernten, die Globalisierung und die Bombe zu lieben – und trotzdem viel Spaß zu haben. Ein kurzer Lehrgang über die Profiteure der Weltzerstörung. Auf der Großdemonstration Aufstehen für den Frieden an der Bonner Rheinaue am 10. Juni 1982 waren die Grünen noch antimilitaristisch. Foto: picture alliance / Klaus Rose Alles, was früher als subversiv galt, kann man heute in einem typischen Britney-Spears-Video finden. Fangen wir von vorne an: Was sind das eigentlich, die Achtundsechziger und ihre Partei, die Grünen? Rudi Dutschke, Joschka Fischer, Uschi Obermeier, Daniel Cohn-Bendit? Don’t bogart the joint, my friend? Mit Müsli und Molli? Maoisten, Trotzkisten, Ökologisten, Hippies, Spontis, Feministinnen, Autonome, Antifa? Die Diagnose fällt schwer, aber das liegt nicht an der Unfähigkeit des Psychiaters, sondern an der wabernden Identität des Patienten. «Alle zehn Jahre führen wir ein neues Wort ein, um zu betonen, wie total ausgeflippt die neueste revolutionäre Pose sei, wie wahnsinnig subversiv gegenüber dem Bestehenden», karikieren die kanadischen Soziologen Joseph Heath und Andrew Potter in ihrem ebenso vergnüglichen wie scharfsinnigen Buch Konsumrebellen den Kostümwechsel der Radikalinskis. Punker, Piercings, Perversionen In der Neuen Linken hat es schon manche verrückten Moden gegeben. In den siebziger Jahren wollten die Maoisten mit Franz-Josef Strauß die Sowjetunion und die Feministinnen mit Kastrationsmessern die Männer bekämpfen. In den achtziger Jahren machten Hausbesetzer, Indianerkommunen sowie die Punks samt ihrer Straßenköter mobil. In den neunziger Jahren gab’s statt der Invasion von der Vega die Invasion der Veganer, aus irgendeinem Paralleluniversum flogen die Transsexuellen ein, die Poplinken legten mit abgedrehten Disko-Diskursen los. Die einen fragten «Wie oft hast du Gender pro Woche?», die anderen hielten Penetration für Vergewaltigung. Im linken Feuchtbiotop gediehen alle Perversionen. Trotz allem Drunter und Drüber kann man mit Heath und Potter wenigstens eine grobe Definition der Achtundsechziger vornehmen. Sie sehen den Unterschied zwischen sich und der alten Linken, also den knorrigen Sozialdemokraten und den granitenen Kommunisten, die es schon vor 1968 gab, in der Betonung der Freiheitsfrage einerseits, in der Eigentumsfrage andererseits. «Was Marx am Kapitalismus empörte, war einfach die Tatsache, dass diejenigen, die die ganze Arbeit taten, in verzweifelter Armut lebten, während die Reichen untätig herumsaßen. Es ging ihm, anders gesagt, um die Ausbeutung.» Diese ökonomischen Fragen interessierten die Achtundsechziger kaum, es ging ihnen um Freiheit von Zwängen. Dieses Denken wurde millionenfach von den Beatles in ihrem Song Revolution verbrei-

COMPACT Spezial _ Nie wieder Krieg ohne uns tet: Man solle weder die «constitution» noch irgendeine andere «institution» verändern, sondern: «free your mind instead». Die Liste der Triumphe dieser Kulturrevolution ist endlos. «Hier eine Kurzübersicht von Dingen, die in den letzten fünfzig Jahren als subversiv galten: Rauchen, lange Haare bei Männern, kurze Haare bei Frauen, Bärte, Miniröcke, Bikinis, Heroin, Jazz, Rock, Punk, Reggae, Rap, Tätowierungen, Achselhaare, Graffiti, Surfen, Motorroller, Piercing, schmale Schlipse, keinen BH tragen, Homosexualität, Marihuana, zerrissene Klamotten, Haargel, Irokesenschnitt, Afrolook, Verhütungsmittel, Postmodernismus, karierte Hosen, Biogemüse, Schnürstiefel, gemischtrassiger Sex. Heute kann man das alles (vielleicht mit Ausnahme von Achselhaaren und Biogemüse) in einem typischen Britney-Spears-Video finden.» Nicht vergessen sollte man außerdem den Siegeszug von Marihuana und LSD als den psychedelischen Katalysatoren der Befreiung. Süffisant kommentieren Heath und Potter: «Nur wer schon völlig zugedröhnt ist, kann ernsthaft der Meinung sein, Marihuana befreie das Bewusstsein. Sonst müsste er wissen, dass Kiffer die größten Langweiler sind.» Der Hippie-Kapitalismus Bis zu diesem Punkt der Argumentation mag es so scheinen, als gebe es zwischen alter Linker und Achtundsechzigern lediglich eine Art Familienstreit: die gereifte Elterngeneration gegen die ausgeflippten Jungen; die einen wollten totale Gleichheit, die anderen totale Freiheit. Heath und Potter verschärfen die Kritik jedoch und behaupten, die Achtundsechziger und ihre Epigonen seien keine – wie immer auch unzulänglichen – Kritiker oder Gegner des Kapitalismus, sondern seine aggressivsten Protagonisten. Ganz generell teile «die Hippie-Gegenkultur viele der individualistischen und libertären Ideen (…), die den Neoliberalismus und die Ideologie der Marktfreiheit auf dem rechten Flügel des politischen Spektrums in Amerika immer zu einer Macht gemacht haben.» Und weiter: «Das Wertesystem der neuen Bohème – alles, was cool ist – ist das Herzblut des Kapitalismus. Coole Leute betrachten sich gern als subversiv, als Radikale, die sich nicht an hergebrachte Methoden halten. Genau das ist der Motor des Kapitalismus. Es ist richtig, dass wirkliche Kreativität absolut rebellisch und subversiv ist, indem sie alle bestehenden Denkmuster und Lebensformen sprengt. Sie sprengt alles, nur nicht den Kapitalismus selbst.» Kurz und bündig: «Hippie-Ideologie und Yuppie-Ideologie sind ein und dasselbe.» Das Empire der Achtundsechziger Wie weitgehend auch jene Teile der Linken, die ursprünglich die achtundsechziger Hippies kritisiert hatten, mittlerweile von diesen infiziert sind, zeigt das Beispiel von Toni Negri. Der heute über Siebzigjährige gehörte 1969 zu den Gründern von Potere Operaio (Arbeitermacht) und war einer der führenden Theoretiker des so genannten Operaismo, der eine Mobilisierung vor allem der Hilfsarbeiter in den großen Automobilfabriken versuchte. Heute ist er der Guru aller post-68er Schwurbelköpfe zwischen Sibirien und Sizilien, zwischen Claudia Roth (Grüne) und Katja Kipping (Die Linke). Negris bekanntestes Werk ist das zusammen mit dem US-Amerikaner Michael Hardt verfasste Empire. Das im Jahr 2000 erschiene Buch wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek sprach vom «kom- Hippie-Ideologie und Yuppie-Ideologie sind ein und dasselbe. Bild links: Das Oberkommando der jugoslawischen Armee wurde während des Krieges 1999 zerstört. Foto: Public domain, Wikimedia Commons Bild rechts: US-Kampfflugzeuge über dem Irak. Während des Golfkrieges 1991 pries der spätere Grünen-Führer Joschka Fischer noch Wehrdienstverweigerer. Acht Jahre später setzte er die Bundeswehr gegen Jugoslawien in Marsch. Foto: USAF, Public Domain 49

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