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COMPACT-Spezial 12

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COMPACT Spezial _ Nie wieder Krieg ohne uns 50 Von Mao über Woodstock bis zum Neocon-Antreiber Wolfowitz – für manche Achtundsechziger eine zwangsläufige Entwicklung. Fotos: Zhang Zhenshi, CC-BY-2.0, Wikimedia Commons; alliance / akg-images; DoD Public Domain Nach dem 11. September 2001 drängte die rot-grüne Bundesregierung auf einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Foto: Der Spiegel munistischen Manifest des 21. Jahrhunderts», die New York Times von «der nächsten großen Theorie», die Zeit von «einer grandiosen Gesellschaftsanalyse». Viel Beifall kam auch von links. «Hier kommt der Masterplan», verkündete die antinationale Wochenzeitschrift Jungle World schon in der Überschrift, aber auch die marxistische Tageszeitung Junge Welt widmete dem Werk eine Fortsetzungsserie. «Empire knallt wie ein gewaltiger Johnny Cash-Song», lobhudelte es gleich im ersten Teil. «Gegen die Globalisierung Widerstand zu leisten und das Lokale zu verteidigen, ist (…) schädlich.» Toni Negri Empire erhebt den Anspruch einer umfassenden Analyse der Weltordnung in ihrer aktuellen Ausprägung und ihrer geschichtlichen Entwicklung. Seine wesentliche These ist, dass die heutige globale Herrschaft mit dem klassischen Imperialismus nicht mehr zu vergleichen sei, da sie kein Zentrum mehr habe. Negri verwendet den Begriff Empire nicht anders als die etablierten Politiker den Begriff Globalisierung – als Beschreibung einer zwangsläufigen Entwicklung, zu der es keine Alternative gebe. Zwar äußert er eine Menge an Detailkritik. Aber summa summarum gilt: «Gleichwohl muss man doch sagen, dass die Errichtung des Empire einen Schritt nach vorne markiert.» Auch die Tatsache, dass die Globalisierung wesentlich von der übriggebliebenen Supermacht dominiert wird, beunruhigt die Autoren nicht: «Die USA als Weltpolizist handeln nicht im Interesse des Imperialismus, sondern im Interesse des Empire (…). Die Vereinigten Staaten sind der Friedenspolizist, aber nur in letzter Instanz, wenn die supranationalen Friedensorganisationen Handlungsbedarf anmelden und es vielfältige rechtliche und organisationelle Initiativen zu koordinieren gilt.» Am Vorabend der Invasionen in Afghanistan (2001) und im Irak (2003) verkünden die Autoren: «Die Geschichte der imperialistischen, interimperialistischen und antiimperialistischen Kriege ist vorbei. Das Ende dieser Geschichte kündet von der Herrschaft des Friedens.» Vor diesem theoretischen Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass Negri die Kriege gegen den Irak (1991) und Jugoslawien (1999) unterstützt hat, dass seine Anhänger wie Cohn-Bendit oder Claudia Roth heute die «Befreiung» Libyens durch NATO-Bomben feiern und dasselbe für Syrien und den Iran fordern. Negri über die renitenten Eingeborenen zwischen Trier und Tripolis: «Die linke Strategie, gegen die Globalisierung Widerstand zu leisten und das Lokale zu verteidigen, ist gleichzeitig schädlich (…), weil sie die wirklichen Alternativen verdunkelt oder sogar leugnet, die Potenziale der Befreiung, die innerhalb des Empire existieren.» Die Zerstörung der Identitäten Die «Potenziale der Befreiung» – das bindet die Achtundsechziger an das Imperium, an den angelsächsischen Imperialismus. Ihre Ideologie war von Anfang an die marxologisch (nicht marxistisch) versüßte Begleitmusik zu den Veränderungen des Kapitalismus. Ungefähr mit 1968 zeichnet sich ein neues Stadium der kapitalistischen Produktionsweise ab, das man, in Abgrenzung zur von Henry Ford eingeführten Massenproduktion am Fließband, als

COMPACT Spezial _ Nie wieder Krieg ohne uns Soziale Zusammensetzung der Grünen Gesamtmitglieder der Partei 59.944, Anteil in Prozent 62 38 Männer Quelle: bpd.de 2015 Frauen 14 16 21 29 20 bis 30 31–40 41–50 51–60 ab 61 26 45 4 24 26 74 Mitglied kein Mitglied Geschlecht Alter Beruf Angestellte Beamte/Angest. ö.D. Arbeiter freiberuflich Mitglied in einer Gewerkschaft Grafik: COMPACT Postfordismus bezeichnet. Computerisierte Maschinen ermöglichen die Fertigung von Kleinserien, der einheitliche Markt differenziert sich in lukrative Nischen aus, die global per Telekommunikation und durch eine neue internationale Arbeitsteilung vernetzt sind. Der Zusammenbruch des Sozialismus, die weltweite Deregulierung der Finanzströme und das Internet haben diese Tendenz verstärkt. In diesem Prozess zerfallen die traditionellen Gemeinschaften in konkurrierende Produktions- und Konsumatome: Der einheitliche Nationalstaat wird vom Separatismus bedroht, der Zwang zur Mobilität zerreißt die familiären Bindungen, die Bipolarität der Geschlechter löst sich in zahlreichen transsexuellen und androgynen Zwischeninszenierungen auf, an die Stelle des geselligen Vereinsmenschen tritt der hedonistische Single. Die Achtundsechziger halten diese Entwicklung kurzerhand für die späte Erfüllung ihrer Jugendwünsche. Dass sich keine positive, sondern eine negative Überwindung der traditionellen Gemeinschaften abzeichnet, wollten und konnten sie nicht erkennen – vermutlich, weil sie als grüne Trendsetter in die gesellschaftliche Elite aufstiegen und damit von dieser Entwicklung profitierten. Die Geschlechter lösen sich in transsexuellen und androgynen Zwischeninszenierungen auf. Wehe aber, wenn Menschen ihre alten Gemeinschaften bewahren wollen! Wehe, wenn ein Deutscher ein Deutscher, ein Mann ein Mann und ein Christ ein Christ bleiben will – und wenn diese Starrköpfe ihre Gemeinschaften aufrechterhalten und durch staatliche Strukturen schützen! Dann heißt es: Ihr Reaktionäre, Ihr Rückwärtsgewandten, Ihr Nationalisten, Ihr Faschisten! Ergebt euch den Segnungen des Individualismus! Dann wird die feministische Aktionsgruppe nach Oberammergau geschickt, die Antifa in den Vatikan, die Love Parade nach Teheran. Und wo man sie nicht lässt, wird die politische Korrektheit von der Justiz erzwungen – oder von der U.S. Air Force. Abschied vom Proletariat Während im traditionskommunistischen Modell das Proletariat die Macht in «seinem» Nationalstaat erobern soll, setzen die Neomarxisten Toni Negri und Michael Hardt in ihrem Buch Empire auf den Exodus der Proletarier aus ihren Nationalstaaten. Im Kommunistischen Manifest hatte es geheißen: «Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.» Negri und Hardt haben das schöpferisch weiterentwickelt: «Ein Gespenst geht um in der Welt, und sein Name ist Migration.» Negri und Hardt setzen die Migranten als «Helden der Befreiung», als «Motor» des geschichtlichen Fortschritts – ganz wie es die Arbeiter bei Marx und Engels waren. Flüchtlinge aller Länder, vereinigt euch – könnte man ihre Position nennen. Wer diese Analyse teilt, muss die Solidaritätsarbeit mit Asylbewerbern und Flüchtlingen ins Zentrum seiner politischen Arbeit rücken – und tatsächlich ist dies der Schwerpunkt der Grünen und Linken geworden. Antonio Negri im Jahre 2009. Foto: Rosa Luxemburg-Stiftung, CC BY 2.0, flickr.com Auf dem Bielefelder Parteitag am 13. Mai 1999 schwor Joschka Fischer die Grünen auf den Kosovokrieg ein. «Es gab Stinkbomben, einen Buttersäure-Anschlag auf Rezzo Schlauch und den notorisch gewordenen Farbbeutel-Wurf auf Joschka Fischers Ohr», erinnerte sich der damalige Bundesgeschäftsführer Reinhard Bütikofer. Foto: picture-alliance / dpa 51

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