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COMPACT-Spezial 12

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COMPACT Spezial _ Nie wieder Krieg ohne uns Der Mann, der den Krieg brachte _ von Jürgen Elsässer Keine Person hat die Grünen stärker geprägt als Joseph Fischer, genannt Joschka. Aber nicht nur in der Partei hat er seine Spuren hinterlassen – er hat die gesamte Außenpolitik der Bundesrepublik auf den Kopf gestellt. Fischer lebte vom «strategisch gut geplanten Bücherklau», so sein Biograf. Bild links: Joschka Fischer als Teilnehmer einer Straßenrandale im Mai 1974 in Frankfurt. Foto: picturealliance / dpa Bild rechts: 2001 brachte der Spiegel Fischers Vergangenheit auf den Titel. Foto: Der Spiegel Die Nachwelt wird Joschka Fischer in schillernder Erinnerung behalten. Politisch war er ein Chamäleon und wechselte seine Meinung nach den Moden der Zeit. Konstant blieben die Konturen seines Auftretens: ein proletarischer Macho mit Charme, bullig und einschüchternd gegenüber Andersdenkenden; ein begnadeter Redner im Stile der CSU- Legende Franz Josef Strauß; ein political animal mit dem Riecher für Themen und Stimmungen. In seiner Autobiografie Mein langer Lauf zu mir selbst bekannte er: «Fast meine ganze Energie konzentrierte ich auf den politischen Erfolg und ordnete dem Ziel alles andere unter, auch und gerade mich selbst.» In diesem Zusammenhang pries er seine «radikale Lebensänderung durch Auswechseln und völliges Umschreiben meiner persönlichen Programmdiskette». Zeitweise hat Fischer nicht nur seine Software ausgewechselt, sondern sich auch an seiner Hardware versucht, seinem Körper. In Vorbereitung auf sein erstes Ministeramt prügelte der gut genährte Bonvivant 1998 sein Gewicht um fast die Hälfte herunter. Statt Zechtouren verschrieb er sich Marathonläufe, statt Rotwein gab es nur noch Mineralwasser. Binnen weniger Wochen schrumpelte das feiste Metzgergesicht ein, die Fettpolster verschwanden, und mit runzelig zusammengezogener Haut glich er bald seiner eigenen Oma. Die Radikalkur hielt er immerhin ein paar Jahre durch; aber schon in seiner zweiten Amtszeit als Außenminister legte Fischer wieder zu. Heute nähert sich sein Leibesumfang dem seines ewigen Kontrahenten Helmut Kohl. Der junge Joschka Joseph Martin Fischer wurde 1948 in Gerabronn geboren, einem kleinen Ort in der Nähe von Schwäbisch Hall – im infrastrukturschwachen Bermudadreieck zwischen Württemberg, Franken und Hessen. Vater und Mutter kamen aus einer volksdeutschen Familie, die 1946 aus Ungarn vertrieben worden war. Das erklärt, warum man den kleinen Joseph nicht, wie im Süddeutschen üblich, mit dem Kosenamen Sepp bedachte, sondern nach Magyarenart Joschka rief – zunächst mit Betonung auf der ersten Silbe. Der Sog der Revolte von 1968 zog den Metzgersohn aus der politikfernen Diaspora in das brodelnde Frankfurt. Dort schloss er sich 1971 der Gruppe Revolutionärer Kampf an, die – in schroffem Gegensatz zu den Gewerkschaften – zu wilden Streiks aufwiegeln wollte und dabei vor allem auf die Gastarbeiter setzte. Fischer agitierte in dieser Mission bei Opel Rüsselsheim, war jedoch bald frustriert. Schnelleren politischen Erfolg bot die Frankfurter Hausbesetzerszene, die ab den frühen siebziger Jahren ein erhebliches militantes Potential bündelte – Fischer wurde 1973 fotografiert, als er auf ei- Titel „Ich hab gekämpft“ Der Außenminister unter Druck. Joschka Fischer wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Hat der grüne Spitzenpolitiker in seinen wilden Frankfurter Jahren nur agitiert, geprügelt und Steine geworfen – oder war da mehr? in weißer Opel Rekord brennt, ein scher für den Einsatz von Brandsätzen ausgesprochen. stellte sich die Frage nach Fischers Zukunft. Springer-Presse veröffentlicht wurden, Wagen der Polizei. Schwarzer Rauch Esteigt auf, ein Mann liegt auf dem Und es gibt die Fotos, die zeigen, wie Fischer 1973 auf einen Beamten eingeprü- Polizisten geprügelt hat, die Bundesrepu- Darf ein Mann, der Steine geworfen und Boden, mit schweren Verbrennungen. Er ist Polizist, Kollegen kümmern sich um ihn. gelt hat. Eine Faust im Handschuh, hoch blik in aller Welt repräsentieren und den Ein Wasserwerfer löscht den Opel. erhoben, bereit, auf einen Polizisten zu Kanzler vertreten? Eine alte Frage, neu Vorher gab es Krawall, eine Demonstration der Solidarität für Ulrike Meinhof, die nerstag, als diese Bilder von „Stern“ und erhobenen Faust. In einer Welt der krachen – schon am vergangenen Don- betrachtet vor dem Hintergrund einer sich am Tag zuvor im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim erhängt hat. Schlägereien, Außenminister Fischer*: Ein neues Auschwitz verhindern dann Molotow-Cocktails, einer fliegt durch das offene Fenster des Polizei-Opels. Es war ein warmer Tag, Frankfurt am Main, 10. Mai 1976. Ein Vierteljahrhundert später kann dieses Datum über das Schicksal von Joschka Fischer entscheiden. Er hat an der Demo teilgenommen, das gibt er zu. Aber er sagt, dass er mit den Molotow-Cocktails nichts zu tun habe. Die Frage ist, ob das stimmt. Es läuft ein Ermittlungsverfahren in dieser Sache (Aktenzeichen 61/50/4 Js 546/76). Es geht um versuchten Mord. Bislang gibt es keinen Hinweis, dass Fischer daran beteiligt war. Es gibt aber Leute, die erzählen, am Abend vor der Schlacht habe sich Fi- * Am Donnerstag vergangener Woche auf einer Pressekonferenz in Berlin. 24 REUTERS 52

nen Polizisten einprügelte. Aus dieser wilden Zeit stammen ungeklärte Verbindungen zum Terroruntergrund: Spuren, wonach die 1981 bei der Ermordung des hessischen FDP-Ministers Heinz-Herbert Karry verwendete Tatwaffe in Fischers Auto transportiert worden war, wurden von der Justiz nicht weiterverfolgt. Auch wegen Landfriedensbruchs, versuchten Mordes und der Bildung einer kriminellen Vereinigung wurde gegen den notorischen Lederjackenträger ermittelt. Ende der siebziger Jahre mutierte der wilde Revoluzzer binnen weniger Monate zum kühlen Reformer. Verantwortlich dafür war das harte Zuschlagen des Staates gegen den Sympathisantensumpf der RAF im Jahre 1977, der zu hunderten Verhaftungen in jener halblegalen Grauzone führte, der sich Fischer zugehörig fühlte. Gleichzeitig bot die Gründung der grünen Vorläuferparteien 1978 – zum Beispiel der Grünen Liste Hessen – die Chance, die im Straßenkampf geknüpften Seilschaften in ein völlig legales Neuprojekt einzubringen, dadurch dem Verfolgungsdruck zu entkommen und auch noch Kohle zu machen. Man darf nämlich nie vergessen: Fischer hatte nichts gelernt, nichts studiert, keinen Abschluss. Sowohl das Gymnasium als auch eine Lehre als Fotograf hatte er abgebrochen. Einzig mit Taxifahren und dem «strategisch gut geplanten Bücherklau» (so sein Biograph Christian Y. Schmidt) hielt er sich in seinem ersten Frankfurter Jahrzehnt über Wasser. Das änderte sich, als Fischer mit mehreren hundert Mitstreitern aus der linksradikalen Sponti-Szene in die im Januar 1980 gegründeten Grünen eintrat und den chaotischen hessischen Landesverband im Handstreich von den Fundamentalisten um die abgehalfterte Adlige Jutta (von) Ditfurth übernahm. Fischers Trick war genial: Er und seine Seilschaft versuchten gerade nicht, mit anderen Radikalinskis in den Wettstreit um den roten Stein der grünen Weisen einzutreten, sondern warfen ihre früheren Ansichten kurzerhand auf den Müll und erfanden die grüne Realpolitik. Deren Ziel war nicht mehr der gesellschaftliche Umsturz, noch nicht einmal die Abschaltung der Atomkraftwerke oder die Abrüstung, sondern einzig und allein die Regierungsbeteiligung ohne jede Vorbedingung. Das machte die Fischer- Gang attraktiv für die SPD, die seit Ende 1982 im Bundestag wieder auf den Oppositionsbänken saß und dringend nach einem Koalitionspartner suchte, um eine «Mehrheit diesseits der Union» (Willy Brandt) etablieren und das Kanzleramt wieder erobern zu können. Dafür bot sich Fischer als Steigbügelhalter an – und wurde im Gegenzug von SPD-nahen Medien wie der Frankfurter Rundschau massiv gegen seine parteiinternen Widersacher unterstützt. Mit diesem Rückenwind wurde der einstige Steinewerfer zum ersten grünen Minister – 1985 in Hessen unter SPD-Premier Holger Börner. Dieselbe Medienprotektion verhalf ihm, die Widersacher zum Realokurs, die sich vor allem um Ditfurth gesammelt hatten, Zug um Zug zurückzudrängen. Mit deren Sturz als Bundesvorsitzende 1988 war der radikale Flügel der Partei entscheidend geschwächt. Nie wieder Krieg ohne uns Fischer avancierte in den 1990er Jahren zum ungekrönten König der Partei, die einst die Basisdemokratie zu ihren Gründungsprinzipien erklärt hatte. Ohne je das Amt des Vorsitzenden auch nur anzustreben, setzte er die entscheidenden Impulse über seine Hausmacht in Hessen, vor allem aber als Fraktionschef im Bundestag. Praktisch im Alleingang schaffte er es, die Außenpolitik der Bundesrepublik auf den Kopf zu stellen. Dazu muss man sich die bis dahin gültige Lagerbildung in der politischen Klasse vor Augen halten: Die Unionsparteien wurden seit den Tagen Konrad Adenauers von der sogenannten Stahlhelm- 1983 gehörte Fischer der ersten grünen Bundestagsfraktion an. Bekannt wurde er mit seiner Beschimpfung des Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen: «Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.» Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten Srebrenica war das Waterloo für den grünen Antimilitarismus. 53

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