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COMPACT-Spezial 12

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COMPACT Spezial _ Partei der Päderasten Die Schweigespirale _ Interview mit Stephan Klecha Pädophile Positionen waren in den achtziger Jahren bei den Grünen hoffähig. Später verdrängten sie dieses Thema. Stephan Klecha erläutert im COMPACT-Gespräch, was er und Franz Walter vom Göttinger Institut für Demokratieforschung dazu in den Archiven gefunden haben. «Es ist schon spannend, dass man sich nicht erinnert, warum man das gemacht hat.» Auf dem grünen Parteitag in Dortmund am 21. und 22.6.1980 besetzte die Indianerkommune mit Pädo-Forderungen das Präsidium. Foto: picture-alliance/Sven Simon Ab 2013 tobte eine Diskussion über pädophile Positionen bei den frühen Grünen. Zuletzt stand vor allem Spitzenkandidat Jürgen Trittin im Fokus, der 1981 das Kommunalwahlprogramm der Göttinger AGIL mit entsprechenden Forderungen der Homosexuellen Aktion Göttingen presserechtlich verantwortet hatte. Bei den Bundestagswahlen 2013 haben die Grünen, nachdem sie zeitweise über 20 Prozent gehandelt wurden, deutliche Verluste eingefahren. Welchen Anteil hatte diese Debatte an der Wählerflucht? Das lässt sich nicht kausal bestimmen. Die Grünen sind eine Partei, die im Prinzip gefühlt für 25 Prozent wählbar ist. In anderen Teilen der Bevölkerung hegt man zwar Sympathie, ist aber skeptisch eingestellt gegenüber einer Art Lebenstotalität, die die Grünen zum Teil vermitteln. Das scheint mir eher das Problem zu sein. Wenn Sie es an Symbolen festmachen wollen, ist es der Veggieday. Die Pädophilie-Debatte spielt insofern mit rein, weil sie den Mythos der Grünen unterminiert, die Guten zu sein und auf der Seite des moralisch Überlegenen zu stehen. Auffällig ist, wie hilflos die grüne Führung auf die Pädophilie-Debatte reagierte. Vor allem gab es keinerlei Versuche, die damaligen Diskussionen zeitlich und gesellschaftlich einzuordnen. Franz Walter und Sie sprechen von einer regelrechten Schweigespirale. Wir hatten diese Debatten ja nicht nur bei den Grünen. Wir hatten sie bei den Jungdemokraten, in Teilen auch in der FDP. Wir hatten sie im Spiegel, in der Zeit. Man hat in verschiedenen Bereichen über die Frage sexueller Befreiung und in diesem Zusammenhang auch über Pädophilie debattiert, entsprechende Forderungen akzeptiert oder zumindest hingenommen. Teile der Schwulenbewegung haben sich so verhalten. Heute will sich keiner daran erinnern oder allenfalls sagen: Wir haben schwere Fehler begangen. Das ist insofern interessant, weil dieser Diskurs damals ja wesentlich vielschichtiger war. Es war ja nicht so, dass einfach eine verwirrte Position übernommen wurde. Mir erscheinen pädophile Forderungen durchaus verwirrt. Dahinter steckten aber auch bestimmte rationale Argumente. Diese waren nicht immer unbedingt klug, und natürlich hat man auch bestimmten Leuten Foren geboten. Aber nicht, um Pädophilie zu akzeptieren – das war dann eher ein Resultat. Dahinter steckten Grautöne, die heute etwas untergehen. 68

COMPACT Spezial _ Partei der Päderasten Es gibt zwei, drei Fragestellungen, die damals interessant waren, aus denen man damals vielleicht auch die falschen Schlüsse gezogen hat, die aber zum Teil unsere heutige Debatte durchaus beeinflusst haben. Etwa die Frage der Sekundärschädigungen. Es gab damals Wissenschaftler, die hielten nicht den Sexualakt, sondern die anschließende Aufklärung für das eigentliche Problem. Das hat sogar Eingang in die Strafprozessordnung gefunden. Ein Opfer von Pädophilie muss sich nicht mehr einem Verhörverfahren stellen, sondern wird umfänglich geschützt. Daraus hat man damals den Schluss gezogen: Der Sekundärschaden ist viel schlimmer als der Primärschaden, also ist der Primärschaden gar nicht vorhanden. Das war natürlich ein Fehlschluss. Oder denken Sie an die Frage der Geschlechtsreife. Wir wissen heute, dass sich die Pubertät vorverlagert. Was ist dann das geeignete Schutzalter? Eine wirklich schwierige Frage, die man aber entscheiden muss. Das taucht Ende der 1980er Jahre, etwa in einem Aufsatz von Volker Beck, als Fragestellung sogar auf. Er wollte nicht das Schutzalter abschaffen, aber er stellte diese Frage. Darauf will heute keiner mehr eingehen, denn man kommt dadurch ins falsche Licht. Pädophile Positionen galten als vertretbar Das wirkt alles ein wenig, als seien pädophile Positionen in den 1970er und 1980er Jahren fast ein Teil des Zeitgeistes gewesen. Wenn Sie überlegen, dass der Chef des Feuilletons der Zeit, Rudolf Walter Leonhardt, entsprechende Thesen veröffentlichte… Das las man als engagierter Gymnasiallehrer oder junger Universitätsdozent, und darauf nahm man dann auch durchaus Bezug. Wir haben diese Debatten ja auch beim Kinderschutzbund gefunden. Es gab durchaus eine relativ breite Strömung, die solche Positionen für zumindest vertretbar hielt. Wenn man die Position selbst auch nicht teilte, hat man sie zumindest als bedenkenswert eingestuft. Entscheidend ist aber: Es gab auch Gegenstimmen, es war nicht alternativlos. Es gab insbesondere den Sexualwissenschaftler Günter Amendt, der auch eine hohe Popularität genoss. Er hat massiv davor gewarnt, zusammen mit Alice Schwarzer. Damit gab es gerade auch im linksalternativen Milieu sehr wohl mahnende Stimmen. Die Jungdemokraten forderten auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz 1981 unter der Überschrift «Keine Bestrafung der freiwilligen und einvernehmlichen Sexualität» die Abschaffung mehrerer einschlägiger Strafrechtsparagraphen – immerhin war das die Jugendorganisation der Regierungspartei FDP. Es gibt diese Beschlüsse der Jungdemokraten. Aber bei der FDP haben wir keine Beschlüsse in der Partei. Wir haben einzelne Akteure identifizieren können, die – übrigens aus gutem liberalen Rechtsstaatsverständnis – sagten: Wenn Pädophilie eine Neigung ist, dann ist das Strafrecht vielleicht nicht unbedingt das adäquate Mittel, dem zu begegnen. Es steht einer Rechtsstaatspartei durchaus an, darüber nachzudenken. Die FDP sagt heute, die Jungdemokraten haben gar nicht mehr zur Partei gehört. Aber das stimmt nicht, die Jungdemokraten haben bis 1982 sehr wohl noch zur FDP gehört, auch wenn es spätestens ab 1978 einen Ablösungsprozess gab und die FDP damit begann, die Jungen Liberalen zu gründen. Haben frühere Mitglieder der Jungdemokraten heute ein besseres Gedächtnis als führende Grüne? Wenn etwas beschlossen wurde, sagen sie immer, wir haben keine Unterlagen, oder können uns nicht erinnern. Einen Tag später rufen sie an und meinen: Aber diese These drei haben wir nicht beschlossen. Das ist schon interessant: Keine Unterlagen, sich an nichts erinnern, aber ganz genau wissen, was die These drei war. Man fand das vielleicht auch ganz «schick» Vielleicht erinnern sie sich nicht, weil diese Vorgänge für sie damals gar nicht sonderlich merkenswert waren? Als wir das von Jürgen Trittin presserechtlich verantwortete Göttinger Kommunalwahlprogramm von 1981 thematisiert haben, meldeten sich diverse Leute, die bei diesen Kommunalwahlprogrammen beteiligt waren. Die sagten, wir haben das da einfach so reinkopiert und uns gar keine Gedanken dazu gemacht. Da ist dann wieder die Schweigespirale. Wa- Die Pädophilie-Debatte brachte den Grünen im Wahlkampf 2013 ungewollte Schlagzeilen und öffentliche Entrüstung. Foto: Pro NRW Auch die Satire-Organisation Die Partei ließ sich das Thema nicht nehmen. Foto: Die Partei Es gab durchaus eine relativ breite Strömung, die solche Positionen für zumindest vertretbar hielt. 69

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