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COMPACT SPEZIAL 9 "Zensur in der BRD"

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Die Liste der verbotenen Autoren

COMPACTSpezial _ Zensur im TV Der Sieger hat immer Recht. Punkt. _ von Michael Vogt Ich wollte einfach Wissenschaftler sein, wollte forschen ohne Scheuklappen und Denkverbote. Das ging lange gut, bis mein Dokumentarfilm «Geheimakte Heß» die Gesinnungswächter auf den Plan rief. Ich musste mundtot gemacht und meine Reputation vernichtet werden. Was hatte ich verbrochen? «Es geht um die Vernichtung Deutschlands, nicht Nazi-Deutschlands.» Vansittart Der «Führer» und sein Stellvertreter. Foto: picture alliance / Heritage-Imag Als ich 2004 die zweiteilige Dokumentation über den bis heute mysteriösen Englandflug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß drehte und diese dann insgesamt siebenmal auf n-tv ausgestrahlt wurde, hatte ich gleich gegen mehrere BRD-Denkverbote verstoßen: Die Kriegsschuld am und im Zweiten Weltkrieg, am Ausbruch und an den Stufen der Ausweitung liegt bei den Deutschen. Punkt. Hier andere Aspekte anzubringen und die Kriegstreiberei der Politik Winston Churchills anzusprechen, ist ein Tabu. Gleichermaßen klar hat das Bild bei den Kriegsverbrechen zu sein: eine deutsche Spezialität, allenfalls bei deren Verbündeten noch zu finden. Punkt. Die Alliierten im Umkehrschluss haben für Freiheit und Demokratie und Menschenrechte gefochten. Punkt. Die Nazis wollten Krieg. Ihre Gegner wollten Frieden. Punkt. Dass der britischen Regierung gleich ein ganzes Bündel an Friedensvorschlägen vorlag, und Churchill gemäß seines Bonmot, England werde den europäischen Krieg verlieren, aber den Weltkrieg gewinnen, unbedingt letzteren, also das Einbeziehen der USA und der UdSSR, betrieb, passt nicht zum wohlgehüteten Image des späteren Nobelpreisträgers. Ein weiteres Dogma: Der greise Heß hat in Spandau seinem Leben ein Ende gesetzt und sich erhängt. Punkt. Dass weder die Autopsie dies bestätigte, noch der vermeintliche Selbstmord technisch möglich war, und vieles für ein britisches Nachhelfen spricht, darf man hierzulande nicht einmal denken, geschweige denn sagen. Auch wenn diese Gedankenverbrechen für den Mainstream an sich verwerflich genug sind, das Schlimmste war, dass mit den TV-Ausstrahlungen das Getto, in das solche mentalen Übeltäter verbannt sind, verlassen und plötzlich eine breite Öffentlichkeit erreicht wurde. Damit hatte ich das Fass zum Überlaufen gebracht. Wahrheit unter Verschluss Die herrschende Geschichtsschreibung ist nicht nur die Geschichtsschreibung der Herrschenden, sie ist zugleich ein Instrument zum Herrschen und Beherrschen. Solange die deutsche Geschichte als Herrschaftsinstrument missbraucht wird, kann auch keine Emanzipation deutscher Politik von den sie beherrschenden Kräften erfolgen. Beteiligung am NATO-Aggressionskrieg auf dem Balkan 1999, Kriegseinsatz in Afghanistan seit Ende 2001, Euro und EU-Mitgliedschaft, Verschweigen westlicher Kriegsverbrechen und bedingungslose USA-Hörigkeit – all das in deutschem Namen ist nur machbar, weil deutsche Politik Vasallenpolitik ist, weil Inferiorität Staatsräson der BRD ist und weil all dies aus dem Schuldkult einer herrschenden Gesichtsschreibung resultiert, die von 1933 bis 1945 nur einen einzigen Verbrecher und nur eine einzige Verbrechernation kennt. 18 Meine TV-Dokumentation berichtet von den Funden des britischen Junghistorikers Martin Allen, der im britischen National Archives (ehemals Public Record Office) auf die geheimen Akten zu den deutschen Friedensvorschlägen an England stieß. Diese Initiativen beinhalteten unter anderem die Angebote der Reichsregierung, alle besetzten Länder zu räumen, Reparationen für entstandene Beschädigungen an die Kriegsgegner zu zahlen sowie einen polnischen Staat wiederherzustellen. Dadurch wären mit einem Schlag all die Gründe weggefallen, die den britischen Kriegseintritt gerechtfertigt hatten. Die zum Durchkämpfen des Krieges entschlossene britische Regierung

COMPACTSpezial _ Zensur im TV hätte ihrem Volk und der Öffentlichkeit nicht verständlich machen können, dass man, obwohl alle Kriegsziele durch Verhandlungen zu erreichen gewesen wären, trotzdem weiterkämpfen sollte. Antideutscher Rassismus Adolf Hitlers Reichsminister Heß wurde – das belegen die im Film erstmals gezeigten Dokumente – vom britischen Geheimdienst SO1 (Special Operations Executive) in eine Falle gelockt. In der Tat gab es eine ganze Reihe von Friedensinitiativen in Richtung England von ganz unterschiedlichen Adressaten in und außerhalb des Deutschen Reiches. Sämtliche dieser Friedensinitiativen wurden von Churchill und seinem Außenamtsstaatssekretär Robert Vansittart kategorisch abgelehnt. Churchill ging es um eine Politik der unbedingten Kriegsausweitung. Und Vansittart, sein Chefdenker und Chefstratege, machte in einer Notiz an den britischen Außenminister Anthony Eden deutlich, dass es um die «Vernichtung Deutschlands, nicht Nazi-Deutschlands» ginge und von daher sämtliche Friedensangebote ausgeschlagen werden müssten. Man habe – so Vansittart weiter – «genug von Angeboten von (…) Goerdeler und Konsorten». Hier sind nun drei Punkte bemerkenswert: Zum ersten muss – fachlich zulässig und wissenschaftlich untermauert – die Politik Churchills kritisiert werden können. Wer das ablehnt, muss sich die Frage stellen lassen, womit er ein Problem hat. Eine Politik der Kriegsausweitung ist nichts, was man nicht kritisieren dürfte – auch dann nicht, wenn sie von Deutschlands Kriegsgegnern betrieben wurde. Im Übrigen befinde ich mich damit in bester Gesellschaft: Churchill wurde von seinem eigenen Kabinettskollegen und Minister Hugh Dalton (Chef der Geheimdienste und Labour-Mitglied) ob dieser Politik der Kriegsausweitung aufs Heftigste kritisiert. Dalton unterstellte (wie man heute weiß: zu Recht), dass sie Millionen von Menschenleben kosten würde, und wurde wegen dieser Kritik später seines Ministeramtes enthoben. Der zweite Punkt bezieht sich auf Churchills und Vansittarts Motive. Da es ihnen ganz eindeutig nicht um die Nazis, sondern um die Deutschen an sich ging, müssen ihre Beweggründe als chauvinistisch und rassistisch bezeichnet werden. Nicht die Nazis waren aus der Sicht dieser Herren das Problem, sondern die Deutschen als Ethnie. Auch dies ist ein zulässiger Gegenstand kritischer Anmerkungen. Der dritte Punkt macht aber die ganze Tragik der Haltung der britischen Regierung und ihre fatalen Konsequenzen deutlich: «Carl Friedrich Goerdeler und Konsorten», heißt es bei Vansittart. Dass er mit Goerdeler einen der führenden Repräsentanten des deutschen Widerstandes und damit des anderen, des besseren Deutschlands unter die Rubrik der «Konsorten» subsumiert, mit denen er, Vansittart, nicht über Frieden verhandeln will, ist historisch mehr als tragisch. Die historische Alternative hätte 1941 nämlich sein können: Die britische Regierung unterstützt den deutschen Widerstand gegen die NS-Machthaber und schließt mit einem Reichskanzler Goerdeler an der Spitze Frieden. Kein Plan Barbarossa, kein Russlandfeldzug mit Millionen Toten, keine massenhaften KZ-Verbrechen, kein Bombenterror gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Nach seinem Absprung über Schottland ließ Rudolf Heß sein Flugzeug abstürzen. Britische Soldaten begutachten die Trümmer. Foto: picture alliance / Heritage-Imag Britische Presse zum Heß-Flug. Foto: picture alliance / akg-images Heß wurde vom britischen Geheimdienst in eine Falle gelockt. 19

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