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COMPACT SPEZIAL 9 "Zensur in der BRD"

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Die Liste der verbotenen Autoren

COMPACTSpezial _ Zensur im TV Die unbequeme Wahrheit _ von Niki Vogt Frieder Wagner war ein gefeierter Regisseur, hatte zahlreiche Filmpreise abgeräumt und ging in den großen Sendeanstalten ein und aus. Alles änderte sich, als er sich 2003 eines Themas annahm, das die US-Kriegspolitik in Verruf brachte. Ein Auto fährt im Nahen Osten auf einer Straße von Amman nach Bagdad. Musik über dem Motorengeräusch eröffnet einen Hörbeitrag für den Deutschlandfunk (DLF) – ein Beitrag, der nie ausgestrahlt werden sollte. Er hätte im April 2014 über die radioaktive Hinterlassenschaft der US Army im Irak informieren sollen, über die grausamen Auswirkungen abgereicherter Uranmunition auf die Menschen zwischen Euphrat und Tigris – aber auch auf die im Golfkrieg eingesetzten GIs. Nicht, dass das Thema uninteressant gewesen wäre. Als Frieder Wagner, der Autor der Sendung, 2003 zum ersten Mal zu Recherchen nach Bagdad flog, war das sogenannte Golfkriegsyndrom schon seit zwei Jahren bekannt. Anfang 2001 hatte der Spiegel in mehreren Ausgaben über die Gefahren des abgereicherten Urans berichtet, das von den amerikanischen Truppen im Irakkrieg 1991 in großen Mengen verschossen worden war. Im Jahr 22 Weltweit sollen 21 Armeen DU-Munition in ihren Beständen haben. Foto: «YouTube»

COMPACTSpezial _ Zensur im TV 2000 schrieb die Presse über das Balkan-Syndrom, als es auch bei den im Kosovo stationierten Soldaten der internationalen Schutztruppe KFOR zu aggressivem Krebs, Leukämie und zu Todesfällen kam. Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) geriet unter Druck. «Ein solches Thema werden Sie in keiner Zeitung unterbekommen.» Geschosse mit abgereichertem Uran brennen sich durch Stahl und Gebäudewände. Sie hinterlassen radioaktive Rückstände, die Krankheit und Tod verbreiten – Todesstaub, so der aussagekräftige Titel von Wagners späterem Film (siehe unten). Depleted uranium (DU) ist ein Abfallprodukt der Atomindustrie und kommt in panzerbrechender Munition zum Einsatz. Ihre Produktion rechnete sich für mindestens zwei Interessengruppen: Zum einen für die Atomindustrie, die auf diese Weise den radioaktiven Sondermüll nicht mehr kostenintensiv entsorgen muss; und zum anderen für die US-amerikanische Rüstungsindustrie, weil sie den Rohstoff für eine äußerst effektive Waffe praktisch geschenkt bekommt. In Deutschland bildete man nach den ersten Schlagzeilen über DU eine Kommission zur Prüfung der Gefährdungslage. Respektable Namen mussten sicherstellen, dass man zu den richtigen Ergebnisse kam. Man fand sie mit Theo Sommer und Gero von Randow, einem ehemaligen Chefredakteur und dem damaligen Politikredakteur der Zeit. Die beiden machten ihre Sache gut. Das große Schlachtschiff Die Zeit spielte Schiffchenversenken mit kritischen Artikeln, beschimpfte deren Autoren als «Alarmisten» und «Panikmacher» und behauptete frech, die Radartechnik stelle ein wesentlich höheres Gesundheitsrisiko für die Soldaten dar als die vermeintlich harmlose Uranmunition. Theo Sommer erhielt später vom Verteidigungsministerium das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold. Ein gefeierter Filmemacher Wagner war ein renommierter Regisseur: 1942 in Benesow, im heutigen Tschechien, geboren, fing er in den 1960er Jahren als Aufnahmeassistent an und arbeitete schon in den 1970ern als selbständiger Kameramann und Dokumentarfilmer. Ab 1982 erstellte er in eigener Regie Dokumentationen und erhielt den Adolf-Grimme-Preis in Silber und in Gold. Ab 1992 produzierte er größere, auch kritisch-investigative Filme für ARD, ZDF und WDR. Kurz und gut: Er war gern gesehen in den großen Sendehäusern, man schmückte sich mit seinem Namen. Alles änderte sich 2003, als er sich dem Thema Uranmunition zuwandte. Sein Film Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra wurde 2004 in der WDR-Reihe Die Story ausgestrahlt und brachte ihm den Europäischen Fernsehpreis ein. Der Film schien schon damals quasi aus Versehen durchgerutscht zu sein – nach der Erstausstrahlung verschwand er auf Nimmerwiedersehen in den Archiven. Doch Wagner gab nicht auf. 2007 legte er nach: Die eineinhalbstündige Kinodokumentation Deadly Dust – Todesstaub ist das bis heute gründlichste Filmdokument zum Einsatz von Uranmunition und ihren grausamen Folgen. Es gelang dem Regisseur, das Schweigekartell rund um DU zu brechen. Er reiste überallhin zu Vorträgen und Filmvorführungen, und der Film war sogar auf der Berlinale 2007 für den Preis «Cinema for Peace» nominiert. Was war die Botschaft des Films? Wagner drückte es in einem Interview so aus: »Die Kernaussage des Films ist eine einzige, aber eine furchtbare: Nämlich, dass der Einsatz von Uranmunition und Uranbomben ein Kriegsverbrechen ist. Uranwaffen Eine halbe Million Krebstote Im Irak soll sich die Zahl der Krebserkrankungen und der Missbildungen bei Neugeborenen verzehnfacht haben. Eine Studie der britischen Atomenergiebehörde, im November 1991 zum Independent durchgesickert, geht von 500.000 zusätzlichen Krebstoten im Irak aus. Dieser Hochrechnung wurde eine Hinterlassenschaft von 40 Tonnen DU-Munition zugrunde gelegt. In der Realität setzten die US-Streitkräfte im Irak (1991) zwischen 260 und 400 Tonnen, im Kosovo (1999) 10,5 Tonnen, in Bosnien (1995) mehr als drei Tonnen ein. US-Soldaten im Irak. Foto: U.S. Marine Corps Deutsche Behörden beschlagnahmen das von Siegwart-Horst Günther nach Berlin geschmuggelte Beweismaterial. Foto: Filmausschnitt «Deadly Dust» Frieder Wagner nahm sich des Themas zu einer Zeit an, als es eigentlich schon in der Versenkung verschwunden war. Es war gelungen, die entsetzlichen Auswirkungen des tödlichen Uranstaubs als Golfkriegssyndrom in den Bereich der obskuren Phänomene zu verschieben. Die missgebildeten Babies und Kinder, das Explodieren der Krebsraten, die fürchterlichen Organschäden – all das hatte mit Uranmunition angeblich nichts zu tun und galt schlicht als ungeklärt. 23

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