Aufrufe
vor 4 Monaten

COMPACT SPEZIAL 9 "Zensur in der BRD"

  • Text
  • Anders
  • Denken
  • Freiheit
  • Brd
  • Zensur
  • Compactspezial
Die Liste der verbotenen Autoren

COMPACTSpezial _ Zensur im Radio Sesselfurzer gegen Stimmungskanone _ von Martin Müller-Mertens 30 19 Jahre lang war Elmar Hörig der ungekrönte König des politisch unkorrekten Humors im deutschen Südwesten. Heute fristet der Moderator, der einst jeden Tag Millionen zum Lachen brachte, ein Nischendasein im Internet. Radio hieß Rebellion – auch gegen die Enge der politischen Korrektheit. Da ist immer wieder dieser Traum: «Ich will eine Platte auflegen, aber ich finde keine. Also muss ich reden, reden, reden.» Doch Elmar Hörig darf nicht mehr reden. Nicht bei Sat.1, schon gar nicht bei der ARD. Dort, wo sie ihn einst feierten, sich in seinem Ruhm sonnten. «Elmi» nannte er sich damals, oder einfach «Radiogott». Im Pantheon der deutschen Unterhaltungsindustrie war ein Platz für ihn reserviert. Doch Gott vergibt, die Tugendwächter nicht. Sie sorgten für den Sendeschluss. Ein paar politische Unkorrektheiten hatten gereicht. Aber Hörig macht weiter, auch im Fadenkreuz der Meinungskommissare – schärfer und politischer denn je. Der Weg war weit. 1949 kam Elmar Hörig in Baden-Baden zur Welt. Der Vater, ein Offizier, wurde später nach Hamburg versetzt. Mit ihm und der Stiefmutter verstand sich Elmar nicht, die Schule ließ er links liegen. Erst im Internat blühte der Junge auf, machte Abitur und studierte auf Lehramt. Der Klassenraum war Hörig als Bühne auf Dauer zu klein. Rockstar wollte er werden, ging ins Swinging London, brachte es dort aber nur bis zum Straßenkehrer. Doch in England entdeckte Hörig die Wellen, die für ihn die Welt bedeuten. Dabei war die Zeit des großen Radioanarchismus, der kernigen Abenteurer im Äther eigentlich schon vorbei. In den 1960er Jahren hatten Piratensender auf Schiffen mit halsbrecherisch montierten Antennen in der Nordsee ein Millionenpublikum elektrisiert. Ihr Rock‘n‘Roll mit den rotzigen Kommentaren von Kenny Everett oder dem späteren Independent-Papst John Peel stand für die Revolte gegen den behäbigen Ansagerfunk der alten Tante BBC. Das System schlug unerbittlich zurück. Mit dem Marine Broadcasting Offences Act erklärte Großbritannien 1967 Wonderfull Radio London, Radio Caroline und andere zu Staatsfeinden. 1974 machten die niederländischen Behörden den dorti-

COMPACTSpezial _ Zensur im Radio gen Seesendern Radio Veronica und Radio Nordsee International den Garaus. Doch die Stimmung der anarchistischen Wellen war im London der 1970er Jahre wohl noch spürbar. Der von Hörig verehrte Everett moderierte inzwischen bei Capital Radio, einem der ersten britischen Privatsender. Dieses Milieu hat Hörig geprägt. Später würde sich der deutsche Fan dessen Studio detailgetreu nachbauen lassen. Nicht jeder seiner Witze war gelungen. Doch Radio hieß Rebellion – auch gegen die Enge der politischen Korrektheit. Frei nach Kurt Tucholsky: «Satire darf alles». Anarchie in Baden-Baden Hörig hatte Glück. Beim Südwestfunk im heimatlichen Baden-Baden schwindelte er ein Engagement bei Capital Radio vor. Nach ein paar Minuten Probemoderation nahm ihn die ARD-Anstalt unter Vertrag. Seit 1975 dröhnte im Südwesten mit SWF3 eine Jugendwelle aus den Transistorradios, deren Machern ihr Chef Peter Stockinger den Rücken freihielt. Fünf Jahre später bekam Hörig die nach ihm benannte Elmi-Show – eine Ausnahme im damaligen deutschen Hörfunk. Er war nun der einsame DJ. So etwas wie ein Cowboy des Äthers. Seine Sendungen plante er penibel. Keiner seiner flapsig-provokativen Sprüche war spontan. Vor dem Mikrofon teilte er aus. Niemand war vor seinen Witzen sicher. Doch in den meisten Fällen blieb Hörig dabei weit oberhalb jeder Gürtellinie. «Querflöte hätte ich auch gerne gelernt, aber ich hab‘ mir sagen lassen, dass einem die Unterlippe dabei ausleiert und man hinterher so aussieht wie Harry Belafonte. Ich hab dann Mundharmonika gelernt, dabei sieht man eher aus wie Günther Strack», sagte er etwa. Oder: «Denke daran: Ein Ja vor dem Altar bedeutet lebenslänglich. Ein Nein gibt nur Dresche von der Schwiegermutter.» 1995 holte Sat.1 Hörig auf den Bildschirm. Mit zeitweise vier Sendereihen sollte er den vom Konkurrenten RTL abgehängten Privatfernsehpionier wieder auf die Überholspur bringen. Doch tatsächlich war es der Anfang vom Ende. Nicht nur, weil dem Radiomann das Fernsehen schlicht nicht lag. Vor allem jedoch, weil sich der Mehltau der politischen Korrektheit zuerst auf den Bildschirmen ausbreitete. Und Humor ist den Tugendwächtern fremd. Irgendwann ließ sich Hörig während einer Quizshow lobend über Männer zwischen 40 und 50 aus, die genug Geld, «noch Leben in der Hose» hätten. Eine 17-Jährige skandierte «Zeigen, zeigen!» und Hörig bot ihr an: «Komm runter, du kleine Ische, ich zeig’s dir.» Zugegeben: Geschmackvoll ist anders – von beiden Beteiligten. Doch für den Zotenreißer Hörig sind solche Sätze nichts Besonderes – genau deshalb liebte ihn sein Publikum, genau deshalb hatte ihn der Sender engagiert. Doch die Zeiten hatten sich geändert: In der Boulevardpresse hyperventilierte die 17-Jährige über angeblich «massive sexuelle Belästigung». Kurz darauf war seine Karriere bei Sat.1 beendet. Kalte Wochen beim SWR Noch hielt sich Hörig wegen seines Erfolges für unangreifbar, trat denkbar arrogant auf. «Ich war damals ein Arschloch», sagt er heute selber. Er unterschätzte, wie eng die Korridore der Meinungsfreiheit geworden waren – schon vor 20 Jahren. Radio sei der «letzte Ort, wo man – noch – sagen kann, was man will», glaubte er. Doch sein Heimatsender stand vor dem Aus. 1998 mussten Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunk fusionieren, nicht zuletzt auf politischen Druck. Hörig bezeichnete den Zusammenschluss als «Blödsinn», nannte die Verantwortlichen «Sesselfurzer». Damit sprach er aus, was viele Mitarbeiter dachten. De facto machte SWF3 als SWR3 einfach weiter. Aber die Jahre unbeschwerten Plauderns waren vorbei – Hörigs Videos sind unter Youtube. com/user/Bimboberg abrufbar. Fotos: «YouTube» Auch im Radio geht bei Abweichungen ganz schnell der Regler runter. Foto: splitshire.com Das Radio ist der «letzte Ort, wo man – noch – sagen kann, was man will». 31

© COMPACT-Magazin GmbH 2016 Alle Rechte vorbehalten

   Mediadaten  /  Datenschutz  /  Impressum  /  Kommentarregeln  /  Nutzungsbedingungen  /  Widerruf