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COMPACT SPEZIAL 9 "Zensur in der BRD"

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Die Liste der verbotenen Autoren

COMPACTSpezial _ Zensur im Radio Schuldig bei Verdacht _ von Jürgen Elsässer 34 Ken Jebsen war über zehn Jahre lang bei «Radio Fritz» der Quotenbringer für den RBB. Als die politisch korrekten Sittenwächter bei ihm Antisemitismus entdeckt haben wollten, wurde ihm binnen Kürze der Stecker gezogen. Logo des privaten Internet-Kanals von Ken Jebsen. Foto: KenFM Über Ken Jebsen kursieren viele Falschmeldungen. Das geht schon bei seinem richtigen Namen los: Wikipedia weist ihn als Moustafa Kashefi aus, und Hunderte von Journalisten haben das genau so übernommen, den ständigen Dementis des Verrufenen zum Trotz. Mir gegenüber hat Jebsen über diese denkfaulen Abschreiber immer gelästert – allerdings bestätigt, dass er iranischer Herkunft ist. Er wuchs in Teheran auf, seine Eltern sollen unter dem Schah im Wirtschaftsministerium gearbeitet haben. Im Alter von drei Jahren siedelte er mit seiner Familie in die Bundesrepublik über. Jebsen ist ein Beispiel für gelungene Integration: Die Kinder- und Jugendjahre im Raum Tübingen/Reutlingen haben ihn zu einem schwäbischen Teenager wie alle anderen auch gemacht – nur, dass er nicht die heimische Mundart annahm, sondern ein perfektes und gut artikuliertes Hochdeutsch spricht. So, wie ich ihn kennengelernt habe, ist er das Gegenteil eines islamischen Fanatikers, nach eigenem Bekunden gehört er gar keiner Religionsgemeinschaft an – seine strenge Alkoholabstinenz kann jedenfalls auch gänzlich profane Hintergründe haben. Jebsen ist ein Kind von Karl Marx und Coca Cola. Ich traf ihn zum ersten Mal im November 2011: Da kam der damals bereits 46-Jährige auf einem Skateboard angebraust! Soll heißen: Der Mann ist typisch Jahrgang 66, ein Kind von Karl Marx und Coca Cola, und hat sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahren können. Dieses Locker-Flockige plus

COMPACTSpezial _ Zensur im Radio der orientalische Touch sind eigentlich die besten Voraussetzungen, um im postmodernen Medienbetrieb Karriere zu machen – und tatsächlich sah für Jebsen zunächst alles gut aus. Die goldenen Zeiten Ab Ende der 1980er Jahre war er, oft unter dem Namen «Keks», als Moderator beim Reutlinger Privatsender Radio Neufunkland tätig, danach wechselte er als TV-Reporter zur Deutschen Welle, schließlich war er ab 1994 16 Mal bei der Mondscheinshow des ZDF. Dann ging es als Moderator zum Fritz-Vorläufer Radio 4U, weiterhin begleitete er die Fernsehzuschauer durch die ProSieben Morning Show. Im April 2001 hatte er seinen Traumjob gefunden: die Radioshow KenFM beim RBB. Über zehn Jahre fesselte er vorwiegend junges Publikum jeden Sonntag vier Stunden lang mit einer attraktiven Mischung aus Musik und Textbeiträgen. Gesendet wurde vor Publikum, etwa aus der Peugeot Avenue in Berlin-Mitte oder dem Sony Center am Potsdamer Platz, später aus Studios in Potsdam-Babelsberg. In der Regel spielte mindestens eine Band live, dazu kamen Poetry-Slammer oder alternative Künstler. Jebsen selber mischte bisweilen politische Inhalte unter, friedenspolitische Themen und Kapitalismuskritik, gerne auch Multikulti. 2006 gewann er zusammen mit einer Kollegin den Europäischen Radiopreis CIVIS für einen Beitrag über eine kurdische Migrantin in Berlin, die «einen Grenzgang zwischen islamischer Tradition und westlicher Lebensweise wagte», wie Wikipedia in der Wohlfühl-Diktion der Refugee- Generation schreibt. Der Auschwitz-Trumpf Jebsen war Opfer einer Intrige geworden: Ein Hörer hatte eine private (!) Chat-Nachricht von ihm an Broder, dieser sie an den RBB lanciert. Darin fand sich der Satz: «ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat» – eine Anspielung auf Edward Bernays, den Strategen der modernen Propaganda. In Broders Darstellung war Jebsen damit des Antisemitismus und der Holocaust-Leugnung überführt – obwohl bei genauer Lektüre des in der Orthographie schludrig hingeworfenen Textes schnell klar wird, dass Jebsen nicht den Judenmord der Nationalsozialisten als Erfindung bezeichnet hatte, sondern die Propaganda drum herum. Broder, der im Spiegel 2001 selbst über entsprechende Geschäftemacher gespottet hatte («There is no business like shoa business»), wollte aber nicht differenzieren – er wollte einen Israelkritiker schachmatt setzen, und dafür war jedes Mittel Recht. Auch Jebsen ist die Doppelzüngigkeit Broders an diesem Punkt aufgefallen. «Er selber hat sich unlängst dafür eingesetzt, dass der Straftatbestand der Holocaust-Leugnung fallengelassen wird. Wenn aber einer den Holocaust leugnet – was ich nie getan habe, ganz im Gegenteil, für mich ist das eines der schlimmsten Verbrechen! –, dann ist er der erste beim Anschwärzen. Perfide, berechenbar, verlogen bis unters Dach und erbärmlich gegenüber den echten Holocaust-Opfern. Die Holocaust-Industrie benutzt sie. Sein [Broders] aktuelles Buch hat den Titel Vergesst Auschwitz. Würde ich das schreiben, würde er mir nachsagen, ich wolle relativieren!», sagte er mir im Interview für die COMPACT-Ausgabe April 2012. Der Sender hielt den Antisemitismus-Vorwurf gegen seinen Moderator für «unbegründet» . Henryk M. Broder. Foto: rotefahne.eu Die seit 1993 bestehende Jugendwelle «Fritz», heute Teil des RBB, rühmt sich gerne für ihre frechen Moderationen. Jebsen passte gut dazu Foto: fritz Das jähe Ende kam nach 545 Sendungen. Am 6. November 2011 wurde das Programm nicht ausgestrahlt, der RBB entfernte Verweise auf den Moderator von seiner Website. Was war geschehen? Der Publizist Henryk M. Broder, der gefürchtetste Skalpjäger der schreibenden Zunft, hatte den Moderator beim Management des GEZ-Kombinats angeschwärzt. Dazu muss man wissen, dass Broder zwar einerseits immer wieder gegen den Stachel der politischen Korrektheit lökt, andererseits aber bei einem Thema überhaupt keinen Spaß versteht: Immer, wenn es um Juden oder Israel geht, passt Broder, der Verwandte durch den Holocaust verloren hat, auf wie ein Schießhund. Umgekehrt ist Jebsen, obwohl er in einem YouTube-Video suggeriert, selbst aus einer jüdisch-iranischen Familie zu stammen, trotzdem (oder deswegen?) ein scharfer Kritiker der israelischen Politik und der israelischen Staatsdoktrin, des Zionismus. 35

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