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COMPACT SPEZIAL 9 "Zensur in der BRD"

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COMPACTSpezial _ Zensur in der Presse «Breivik ist der Gegenpol zu Christus» _ Interview mit Matthias Matussek Matthias Matussek beschreibt in seinem vorletzten Buch den Katholizismus als Abenteuer, als Verlockung. Aber wie damit umgehen, wenn ein norwegischer Massenmörder sich als Verteidiger des christlichen Europa ausgibt? Das sollen Sie ja auch. Mich interessiert trotzdem die Schnittmenge: Wie viel christliche Heilserwartung ist in der kommunistischen Bewegung gewesen, oder umgekehrt, wie viel Kommunismus ist im Katholizismus? Und hat nicht Papst Wojtyła, nachdem er mit Hilfe der CIA den Kommunismus besiegt hatte, selbst merken müssen, dass der Kapitalismus viel atheistischer und religionsfeindlicher ist? Vielen Dank! Wofür? Dass Sie mir meine Lebensentwürfe erlauben… Meine Frage… Ja, Sie behaupteten, dass der Papst «mit Hilfe der CIA den Kommunismus besiegt» habe. In welchem James-Bond-Film haben Sie denn die 80iger Jahre verbracht? Wäre mir neu, dass die Gottesdienste in Krakau und Danzig von der CIA organisiert waren, ebenso die Flucht der DDR-Bürger über die Grüne Grenze oder in die Prager Botschaft… Es geht ums Seelenheil 48 Anders Breivik während seines Prozesses. Foto: Day Donaldson, flickr Oslo am 27.7.2011 Foto: Bjørn Heidenstrøm, flickr Man kann die Bergpredigt als revolutionäre Handlungsanweisung lesen. Sie sind fromm katholisch erzogen worden, waren nach 1968 fromm kommunistisch und sind jetzt wieder fromm katholisch. Nach dem Muster These-Antithese-Synthese hätte man aber erwarten können, dass Sie heute beides kombinieren, wie es etwa Pier Paolo Pasolini versucht hat oder Hugo Chávez. Was spricht dagegen? Da sehen Sie mal, wie sehr die dialektische Methode versagt, wenn man sie auf Menschen anwendet. Danach hätte ich auch Stalin werden können, denn er begann als Priesterseminarist. Es gibt da diese hübsche Geschichte von Stalins Mutter, die Martin Amis in seinem Buch erzählt. Stalin fragte seine Mutter irgendwann in den späten 30er Jahren, warum sie ihn als Kind immer so fürchterlich verprügelt habe. Darauf die Mutter: «Sonst wäre doch kein anständiger Mensch aus Dir geworden, mein Söhnchen.» So kann diese Methode in die Hose gehen … Und Chávez? Den habe ich mal im Wahlkampf in den Anden erlebt, er hat drei Stunden geredet und gesungen. Imponierend, aber nicht unbedingt ein Rollenmodell. Nein, ich versuche, den zu mögen, der ich geworden bin. Dass es eine CIA-Vatikan-Connection gab, ist evident. Aber der Streit darum lohnt nicht, denn meine Frage hatte einen anderen Fokus: Hat das Christentum nicht mit dem Sozialismus mehr gemein als mit dem Kapitalismus, der alle Traditionen, Werte und Ideale vernichtet? Ist nicht Peppone, trotz aller Klopperei, ein Bruder oder wenigstens Stiefbruder von Don Camillo? Man kann die Evangelien, kann die Bergpredigt sicher so lesen, dass daraus eine revolutionäre Handlungsanweisung wird, das hat ja die Befreiungstheologie versucht. Aber man findet auch Stellen, die geradezu einen Aufruf zur Kapitalakkumulation darstellen, etwa wenn Jesus den Spekulanten lobt, der seine Talente verdoppelt, statt sie zu vergraben… Jesus hat den Lauf der Welt sehr gut verstanden, aber er hat auch gesagt: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Also der Jenseitsbezug ist in allem deutlich. Es darf der Kirche letztlich nicht um Rentenreform, Mindestlohn und Quotenregelung gehen, sondern um das Seelenheil. Völlig richtig! Aber ich fragte nicht nach dem Glaubenskern der Kirche, sondern nach ihrer Bündnis- oder Überlebensstrategie: Muss

COMPACTSpezial _ Zensur in der Presse sie nicht, im Widerstand gegen den nihilistischen Furor des Kapitalismus, der den Mammon an die Stelle aller alten Götter setzt, eine Koalition «für das Seelenheil» formieren helfen – von gläubigen Katholiken über den transzendenten Kommunisten bis zum frommen Moslem? Papst Benedikt hat mit Rabbis und mit islamischen Muftis gebetet und des Öfteren die islamische Glaubensinnigkeit hervorgehoben – nicht ohne selbstverständlich davor zu warnen, Religion und Gewalt miteinander zu verschmelzen. Aber Überlebensstrategien, Bündnisfragen, das hört sich sehr nach Komintern-Politik an, also gewöhnlich. Die Kirche aber muss das Außergewöhnliche bleiben, das Geheimnis, die Gnade. Die Leute werden schon merken, dass Malle allein nicht glücklich macht. Mir auf jeden Fall geht es so. Zölibat ist antibürgerlich Das merken immer mehr. Doch wen Malle nicht mehr ausfüllt, landet in der Regel bei der Esoterik, einem spirituellen Mix aus Buddha und Bhagwan oder einer Art Evangelium light. Nur wenige gehen aufs orthodoxe Ganze und verteidigen, wie Sie, etwa den Zölibat. Was fasziniert Sie an letzterem? Wäre das für Sie auch ein realer Lebensentwurf? Interessante Frage. Auf jeden Fall faszinieren diese Selbstzucht- und Mäßigungs-Athleten, heutzutage ganz besonders. Ich beobachte auch bei meinem Sohn, der eine asiatische Kampfsportart betreibt, dieses Interesse an Zen und Klosterstrenge und Konzentration. Allerdings hört er zwischendurch auch die Heavy-Metal-Punks von Slipknot. Ich halte die meisten Argumente gegen den Zölibat für furchtbar blöde und verroht, schon deshalb verteidige ich ihn. Er ist ein Zeichen. Eine positive und unglaublich theatralisierte Frömmigkeitsübung. Der Zölibat unterscheidet den Priester von allen anderen, wenn er glückt. Er ist ein Lebensabenteuer. Er sagt: «Ich gehöre Christus und der Gemeinde und sonst niemandem. Er ist die antibürgerliche Existenz per se.» Fälle seit den Liberalisierungen der 60er Jahre geschehen sind. Warum viele nun ausgerechnet eine Lockerung der «verklemmten Sexualmoral» des Vatikans als Mittel zur Bekämpfung der Pädophilie empfehlen, ist mir schleierhaft. Die Kirchenfeinde müssen sich sortieren: Entweder sie nennen die Kirche eine Lasterhölle, oder zu prüde, beides geht nicht. Dass die Linke mit ihren Lockerungsübungen die Knabenliebe geradezu hoffähig machen wollte – Sie erwähnen Cohn-Bendit. Ebenso, dass die Humanistische Union, der die Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger angehörte, «pädophile Arbeitsgruppen» unterstützte – und ausgerechnet diese Dame geriert sich nun als Chefanklägerin gegen die katholische Kirche. Beschämend. Sie lebten lange in den USA und haben dort eine Sorte Christen kennengelernt, die Ihnen trotz ihrer Frömmigkeit missfallen hat. Einen von der Christian Coalition, einer Vorfeldorganisation der Republikaner, zitieren Sie in Ihrem Buch mit dem Ausspruch, diese habe «das gleiche Ziel wie die Nazis», nämlich: «Unsere Kultur zu retten und die Traditionen zu behaupten». Haben Sie sich an diesen Es ist mittlerweile hinlänglich belegt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie gibt. Breiviks Vorbild? Ein Kreuzritter auf der Wacht im Gebirge. Gemälde: Karl Friedrich Lessing (1808 – 1880) Vom Zölibat ist es für viele Journalisten nicht weit zur Missbrauchsdebatte. Da sie beide Milieus aus eigener Erfahrung kennen: Sehen Sie den Missbrauch von Kindern als eine Ventilhandlung sexuell unterdrückter Katholiken – oder als einen Exzess sexuell enthemmter Achtundsechziger? Böse gefragt: Die Medien haben sich auf die Kopfnüsse von Bischof Mixa eingeschossen und die Doktorspiele des Kita-Betreuers Cohn-Bendit verschwiegen. War das ein Fehler? Es ist mittlerweile hinlänglich belegt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie gibt. Ebenso unbestritten ist, dass viele 49

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