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COMPACT-Spezial "Asyl unsere Toten"

Asyl, Unsere Toten Unsere Toten, Unsere Trauer

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COMPACT Spezial _ Unsere Toten, unsere Trauer Die Tschechin Nada Cizmar hatte einen fünfjährigen Sohn und war Kollegin von Fabrizia Di Lorenzo. Ilustration: IF Peter Volker stammte wie sein Lebenspartner Richard Ramirez aus den USA und war 72 Jahre alt. Ilustration: IF Die dem Islamischen Staat nahestehende Nachrichtenagentur Amaq bezeichnete Amri als «Soldaten» der Terrororganisation. Foto: picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa Auch am nächsten Morgen: keine Nachricht. Das Hoffen und Bangen beginnt. Geschlagene vier Tage dauert es, bis Valeriya endlich die Wahrheit erfährt. Das LKA kennt die Faktenlage längst, rückt aber nicht mit der Sprache heraus, vertröstet sie immer wieder. Weitere sechs Tage gehen ins Land, bevor sie ihre toten Eltern identifizieren kann. «Damit die Identitäten des Paares sicher festgestellt werden können, muss Valeriya unangenehme Fragen beantworten, zum Beispiel, ob ihr Vater beschnitten sei», berichtet der Merkur. Es dauert bis zum 4. Januar – da endlich erfährt sie, dass ihr Vater noch vor Ort verstarb, ihre Mutter schwer verletzt in die fast zehn Kilometer entfernte Steglitzer Charité eingeliefert wurde. Dort konnte man nichts mehr für sie tun. Die persönlichen Habseligkeiten ihrer Eltern, ihre Eheringe und Papas Brieftasche, werden ihr nach der Leichenschau ausgehändigt. In den Klauen der Bürokratie Mit ihren Problemen und Ängsten steht Valeriya alleine da. Wird sie weiter in ihrem Elternhaus leben können? Die noch zu zahlenden Schulden für den Hauskredit, wie soll sie die abzahlen? Und wie soll sie ihre Studiengebühren zusammenbekommen? In ihre Wut, Trauer und Ohnmacht mischen sich Existenzängste. Der Vater ihres Freundes setzt sowohl bei Berlins regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) als auch beim damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck alle Hebel in Bewegung, schreibt «Bettelbriefe», wie er sagt. Valeriya erhält telefonisch Antwort vom Bürgeramt: «Der Bürgermeister», so die Stimme am Telefon, sei «kein kleiner König», der einfach «in die Schatulle greifen kann, um Geld herauszunehmen». Bei der Beantragung der Sterbeurkunden verlangt das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf 30 Euro Gebühr von dem traumatisierten Mädchen. Nachdem Bild eine Spendenaktion startete, der Opferverband Weisser Ring und die Schaustellervereinigung ihr mehrere Tausend Euro Soforthilfe auszahlten und sogar der Berliner Tennisverein, in dem Valeriya und ihr Vater spielten, Hilfsgelder sammelte, konnte die erste Not überwunden werden, doch die Zukunft bleibt ungewiss. Ob staatliche Stellen finanzielle Hilfe leisten werden, ist zunächst nicht klar. Erst Ende Januar gab das Bundesjustizministerium bekannt, dass Valeriya als Angehörige von Terroropfern 20.000 Euro Schmerzensgeld zustehen – 10.000 pro Kopf. Ein Skandal für sich. «Kein einziges Beileidsschreiben ist bei der Studentin eingegangen, kein Kranz, keine Blume.» Bild Statt einer Überweisung bekam die völlig überforderte junge Frau aber zunächst einen bürokratischen Schrieb nach dem anderen. Man müsse «Zuständigkeiten» klären und zuerst prüfen, «ob und ggf. in welchem Umfang ein Anspruch besteht», heißt es da etwa. «Das Opferentschädigungsgesetz», so schreibt der Merkur vier Wochen nach der Tat, greife nicht, wenn «die Schäden» durch «ein Kraftfahrzeug verursacht wurden». Justizminister Heiko Maas versprach baldige Abhilfe, will eine Gesetzesänderung. Am 12. Januar trägt die Tochter ihre Eltern zu Grabe. Verwandte und Vertraute stehen ihr bei, doch Offizielle bleiben der Zeremonie fern. Kein hoher Beamter, kein Bürgermeister, keine Kanzlerin, kein Minister ist da. «Kein einziges Beileidsschreiben ist bei der Studentin eingegangen, kein Kranz, keine Blume», heißt es in Bild zunächst. Erst nach vier Wochen trifft ein Brief von Frank-Walter Steinmeier ein, datiert vom 11. Januar, abgestempelt am 17. Januar. Ihr Vorname ist darin falsch geschrieben, und der damalige Außenminister kondoliert ihr nur zum Tod des Vaters… 16 Valeriya, durch den Anschlag nun Vollwaise, plagen bald ganz andere Dinge. Vor allem die Kosten der Bestattung bereiten der Medizinstudentin Kopfzerbrechen. Als sie bei der «Verkehrsopferhilfe» um Unterstützung bittet, erhält sie ein Schreiben der HUK-Coburg-Versicherung mit der Betreffzeile: «Kfz- Haftpflichtschaden vom 19.12.2016». Die Bürokratie kennt keine Trauer, keine Pietät, kein Mitleid.

COMPACT Spezial _ Unsere Toten, unsere Trauer Herr, erbarme Dich _ O-Ton von Thomas Wawerka Am 21. Dezember 2016, zwei Tage nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, organisierte die Bürgerinitiative Einprozent mit Unterstützung von AfD-Politikern, Pegida, Sezession und COMPACT eine Andacht für die Toten am Bundeskanzleramt. Etwa 400 Menschen nahmen teil. Auf Reden wurde verzichtet – in stiller Trauer hörten die Versammelten die Predigt eines mutigen Christen, die wir im Folgenden ungekürzt dokumentieren. « Liebe Brüder und Schwestern in Christus, liebe Berliner, liebe Gäste, Sie wundern sich vielleicht, warum hier jemand im Talar vor Ihnen steht. Ich will es gleich vorweg sagen: Ich bin nicht im Auftrag meiner Kirche hier. Nach dem bestürzenden Attentat, das vorgestern diese Stadt und die ganze Republik erschüttert hat, wollte ich gern etwas tun, ein Zeichen setzen, so schwach es auch sein mag. Der Veranstalter hat mich um ein geistliches Wort gebeten, und ich bin meinem Gewissen gefolgt und habe zugesagt. Wie Sie bestimmt auch, so frage ich mich, wie man denn auf ein solches Ereignis angemessen reagieren soll. Was man angesichts der Toten und der Verletzten sagen soll. Und ich denke, es gibt keine richtigen Worte dafür. Politische Parolen sind nicht angemessen, aber auch hohle und leere Phrasen nicht. Am besten ist es zu schweigen und zu beten, und zum Gebet will ich Sie auch gleich einladen. «Was Ihr selbst für einen der Geringsten getan habt, das habt Ihr für mich getan.» Jesus Christus Erlauben Sie mir dennoch, vorher noch ein paar Worte zu sagen. Ich habe reiflich überlegt, welches biblische Wort ich Ihnen heute als Botschaft mitteilen will, und mich für ein Wort des Apostels Paulus aus dem 2. Tim entschieden: «Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.» Das, liebe Mitbürger, muss die christliche Reaktion auf das Attentat sein, das uns so tief getroffen hat: Kraft. Liebe. Besonnenheit. Ich weiß nicht, mit welcher emotionalen Gemengelage Sie hier hergekommen sind. Ich verspüre bohrenden Schmerz, Sorge, Trauer, Ärger, ja auch Wut und Verzweiflung. Mein stärkstes Gefühl aber ist das Gefühl der Ohnmacht. Man will gern irgendetwas tun – und weiß doch nicht, was. Dennoch denke ich, dass wir, die wir uns hier versammelt haben, genau das Richtige tun. Hier sind wir an der richtigen Stelle. Genau hier will der Geist Gottes uns haben und uns mit Kraft, mit Liebe und mit Besonnenheit ausrüsten. Das ist die richtige Antwort auf den Terror. Ich muss dieser Tage oft an Dietrich Bonhoeffer denken, mein großes theologisches Vorbild. Er befand sich in der Sicherheit des US-amerikanischen Exils. Er sollte dort warten, bis die Zeit des NS- Terrors vorüber wäre, um danach ein Bischofsamt in der Kirche zu übernehmen. Aber er hielt es dort nicht aus, aus Liebe zu seinem Land und zu seinem Volk kehrte er zurück, um «dem Rad in die Speichen zu fallen». Er hielt es für seine patriotische Pflicht, Widerstand gegen den Terror zu leisten. Mahnwache am 21. Dezember: Rechts die AfD-Politiker Alexander Gauland und Björn Höcke. Foto: picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa Wir trauern um Frau Dorit Krebs Mitarbeiterin der Deutschen Bank Mit großer Bestürzung mussten wir erfahren, dass unsere langjährige Kollegin am 19. Dezember 2016 verstorben ist. Frau Krebs war viele Jahre für die Deutsche Bank in Berlin tätig. Wir durften während all dieser Zeit immer wieder ihre hohe fachliche und menschliche Kompetenz erleben. Auch bei unseren Kunden genoss unsere Kollegin eine außerordentlich große Wertschätzung. Wir behalten die Verstorbene mit tiefem Respekt in dankbarer Erinnerung. Unser Mitgefühl gilt allen Angehörigen der Familie. Deutsche Bank AG Aufsichtsrat und Vorstand Deutsche Bank AG, Berlin Geschäftsleitung, Betriebsrat und Mitarbeiter Die 53-jährige Dorit Krebs lebte im brandenburgischen Eichwalde und arbeitete in Berlin. Foto: maztrauer.de 17

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