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COMPACT-Spezial "Asyl unsere Toten"

Asyl, Unsere Toten Unsere Toten, Unsere Trauer

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COMPACT Spezial _ Unsere Toten, unsere Trauer Welten belegt, dass unsere zivilisierten Regeln vielen Jugendlichen aus dem Migrantenmilieu nichts bedeuten. «Ich sag nicht, Deutsche sind schwach, aber die trauen sich nicht, wie Ausländer draufzuschlagen», wird ein 19-jähriger syrischer Kurde zitiert. «Sie lassen sich auch viel gefallen. Die wehren sich nicht. Die tun nur zu ihren Eltern gehen und sagen, der hat mich geschlagen.» «Der Reflex, nicht zuzutreten, wenn jemand am Boden liegt, ist kulturell einstudiert, nicht vererbt. Wo also lernen das junge Menschen?», fragt sich Pfarrer und Dechant Dr. Wolfgang Picken. Als Seelsorger erfährt er fast täglich von der Gewalt. «Bei muslimischen Jugendlichen würden wir uns als Bürgerstiftung nicht verschließen, bei der Finanzierung eines arabischen Streetworkers zu helfen», sagte Picken dem Bonner General-Anzeiger. «Aber da müssen als Erstes die aktiv werden, die etwas von dieser Gruppe verstehen, etwa die Moscheegemeinden. Ich kenne diese Jugendlichen zu wenig.» 22 Auch am 20. Mai 2016, fast zwei Wochen nach dem Verbrechen, trauerten die Bonner noch am Tatort. Foto: picture alliance/dpa Alles nicht so schlimm? Beim Trauergottesdient für Niklas strömten die Bad Godesberger zu Hunderten in die St.- Marien Kirche. Einige Dutzend, die keinen Platz mehr bekamen, verfolgten die Predigt draußen über Lautsprecher. Zur Fronleichnamsprozession, die auch am Tatort vorbei führte, reichten die von Pfarrer Wolfgang Picken ausgeteilten tausend Hostien nicht aus. Picken verurteilte die ausbleibende Anteilnahme der Landesregierung: «Das ist eine vertane Chance, auch als Signal in die Öffentlichkeit. Denn die ist schon politikverdrossen genug.» NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) beruft sich derweil auf die Statistik: Mit 5.918 Delikten im Vorjahr sei der Stadtteil so sicher wie seit 2006 nicht mehr. Er wisse aber auch, erklärte Jäger am 2. Juni 2016 schnippisch, dass «man in Bad Godesberg mit Statistiken nie überzeugen» könne. Doch an die Polizei glaubt hier schon lange niemand mehr. «Jetzt stehen vor der Schule mindestens drei Polizeiautos, aber vorher ist man durch Godesberg gelaufen, nachts wie tagsüber, und da war nie ein Polizist», schildert Paulina die Lage. 2013 engagierte der Verein Stadtmarketing im Schulterschluss mit mehreren Einzelhändlern einen privaten Sicherheitsdienst, um die Innenstadt zu kontrollieren. «Wir zahlen für Schutz Geld, und wenn man das Wortspiel umdreht, dann ist das halt Schutzgeld», fasste ein Ladeninhaber die Situation im Lokalfernsehen zusammen. «Die Rechte der Bürger hier werden nicht gewahrt», schimpft eine ältere Dame im Kurpark, die Kerzen zum Gedenken an Niklas verteilt. Sie möchte «einfach, dass alle Gruppen – Ausländer, Inländer – hier anständig und ohne Stress leben können». Niklas habe auch türkische und marokkanische Freunde gehabt – diese Feststellung ist ihr wichtig. Deutsche Jugend im Visier «Es ist einfach traurig, dass sich jetzt alle über die Sache mit Niklas aufregen – und vorher gab’s tausend Fälle, die nicht so schlimm waren, wo keiner zu Tode gekommen ist, und da wurde geschwiegen», klagt Joanna. Vor allem deutsche Jugendliche bewegen sich hier seit Jahren in einem ständigen Angstraum. Die Zäsur war vermutlich im August 2007, als eine in Kleinbussen angekarrte Migrantengruppe mehrere feiernde Schüler eines Privatgymnasiums im Kurpark mit Baseballschlägern attackierte. Der Fall veranlasste das Theater Bonn zu einer Recherche, die 2009 als Buch erschien. Zwei «Die Burka ist herabwürdigend für alle Frauen, eine Provokation.» Juppi Schaefer «Was mir passiert ist, passiert auch anderen», berichtete der 18-jährige Tim P., der nach einer Prügelattacke auf der Rheinaue rund einen Monat vor Niklas’ Tod mit Schädel-Hirn-Trauma und einer Blutung im Kopfinneren auf die Intensivstation kam. «Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es immer, und es wird sie immer geben», zitiert der General- Anzeiger Tims Vater. Der Wille, jemanden zu zerstören, ihm aus Frust massive Gewalt anzutun, sei jedoch neu. In Bad Godesberg, wo sogar die linke Taz Multikulti für «gescheitert» erklärt hat, kommt jede Form von Sozialarbeit zu spät. «Was sich hier seit Jahren abspielt, ist nicht mehr akzeptabel», sagt Klaus K. «Wenn die eigenen Kinder gefährdet werden, ist es Zeit zu gehen.» Zwei 15-jährige Bandenmitglieder nordafrikanischer Herkunft hatten am 4. Juni 2016 seinen zwölfjährigen Sohn in ihre elterliche Wohnung verschleppt. 50 Euro sollte er besorgen, befahlen ihm seine mit Schlagstock und Klappmesser bewaffneten Peiniger. Falls er die Polizei rufe, werde man ihm «in einer Badewanne sämtliche Knochen brechen». Der mutige Junge verständigte seinen Vater, der daraufhin Anzeige erstattete. Es folgten Drohanrufe: «Ich werde Dich jagen und verfolgen», so habe es geheißen. «Ich weiß von einigen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben», sagt Klaus K., «sich aber nicht trauen, zur Polizei zu gehen».

COMPACT Spezial _ Unsere Toten, unsere Trauer Keine Tränen, keine Trauer _ von Martin Lichtmesz Es ist verräterisch, mit welchen Floskeln sich Angela Merkel nach den islamistischen Terroranschlägen an die Öffentlichkeit wandte. Kein Wunder: Ein Gedenken mit Würde wird von der Staatsführung nur dann zelebriert, wenn es sich um ausländische Opfer handelt, beispielsweise bei den Toten der sogenannten NSU-Mordserie. Wie zu erwarten, galt auch nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 Angela Merkels dringlichste Sorge der Reputation ihrer Flüchtlingspolitik: «Ich weiß, dass es für uns alle besonders schwer zu ertragen wäre, wenn sich bestätigen würde, dass ein Mensch diese Tat begangen hat, der in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat. Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind, und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und die sich um Integration in unser Land bemühen.» (bundesregierung.de, 20. Dezember 2016). Flucht aus der Verantwortung Dies war eine Art Selbst-Recycling der Kanzlerin. Am 28. Juli desselben Jahres hatte sich Merkel nach einer urlaubsbedingten Verzögerung endlich dazu bequemt, ein paar Worte über die ersten Regungen des islamischen Terrors in Deutschland [siehe Seite 38 ff.] zu verlieren. Sie äußerte sich damals mit beinahe identischen Worten wie später im Dezember, als die Anschläge von Würzburg und Ansbach um ein Vielfaches überboten wurden: «Dass zwei Männer, die als Flüchtlinge zu uns gekommen waren, für die Taten von Würzburg und Ansbach verantwortlich sind, verhöhnt das Land, das sie aufgenommen hat. Es verhöhnt die ehrenamtlichen Helfer, die sich so sehr um die Flüchtlinge gekümmert haben, und es verhöhnt die vielen anderen Flüchtlinge, die wirklich Hilfe vor Gewalt und Krieg bei uns suchen, die friedlich in einer für sie auch fremden Welt leben wollen, nachdem sie woanders alles verloren haben.» (bundesregierung.de) Und sie fügte hinzu: «Dabei ist es im Übrigen völlig egal, ob diese Flüchtlinge gemeinsam mit den so vielen Flüchtlingen schon vor oder nach dem 4. September des vergangenen Jahres 2015 zu uns gekommen sind.» Was wollte Merkel mit diesem seltsamen Satz sagen? Wollte sie damit etwaigen Vorwürfen zuvorkommen? Ein Kommentator auf Pi- News hatte es wohl richtig erkannt (28. Juli 2016): «Es verhöhnt die ehrenamtlichen Helfer, die sich so sehr um die Flüchtlinge gekümmert haben…» Angela Merkel Kanzlerin Angela Merkel am 23.2.2012 bei der zentralen Trauerkundgebung für die NSU-Opfer im Berliner Schauspielhaus. Foto: picture alliance / dpa 23

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