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COMPACT-Spezial "Asyl unsere Toten"

Asyl, Unsere Toten Unsere Toten, Unsere Trauer

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COMPACT Spezial _ Ein mörderischer Sommer Auch die von Bild und anderen Medien verbreitete Behauptung, dass bei Ali das «Breivik-Manifest» gefunden worden sei, in dem der norwegische Massenmörder seine Tat vor genau fünf Jahren rechtfertigte, musste das Landeskriminalamt später dementieren. Nicht einmal das Gerücht, der Junge habe selbst ein Manifest verfasst, bewahrheitete sich. Das Schweigegebot 46 Am Abend des 22. Juli 2016 in der Innenstadt: Polizisten führen einen weiteren Verdächtigen ab. Mittlerweile gilt Sonboly jedoch als Einzeltäter. Foto: Johannes Simon/Getty Images Ali David Sonboly. Fotos: Hamburger Morgenpost erzählte er ihnen, dass ihm der Mann auf dem Parkdeck «normal» vorgekommen sei. Ich klingele. Zweimal. Dreimal. Kein Glück. Auch in den kommenden Tagen öffnet mir keiner. Durch Zufall erfahre ich von einer Nachbarin, dass er rund 48 Stunden nach den Ereignissen «bei Nacht und Nebel» ausgezogen ist. Ein wichtiger Zeuge ist verschwunden. Sind der kaltblütige Killer vor dem McDonalds und der verpeilte Teenager auf dem Parkhausdach überhaupt ein und dieselbe Person? Nachbarn und Bekannte bezeichnen Ali, der in seiner Nachbarschaft Zeitungen austrug, als «guten Menschen» – nett, bestens erzogen und hilfsbereit. In psychiatrischer Behandlung war er dennoch: wegen Depressionen und Angstzuständen, die von jahrelangen Misshandlungen durch Migrantenkids herrührten. Es dauerte nicht lange, da wurde der Deutsch- Iraner als Rechtsextremist bezeichnet. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wollte das aus «Sicherheitskreisen» erfahren haben. «Der Täter von München war ein Rassist mit rechtsextremistischem Weltbild», hieß es da. Adolf Hitler und Anders Breivik seien seine Idole gewesen, er selbst soll sich als «Arier» gesehen haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft München I widersprach: «Eine rechtsextreme Motivation» könne «nach derzeitiger Erkenntnislage nicht bestätigt werden», sagte ihr Sprecher Florian Weinzierl. Zurück am Tatort, stehe ich vor der McDonalds- Filiale. Hier soll Ali mit gezogener Pistole aus der Toilette gekommen und fünf Menschen routiniert erschossen haben, bevor er auf die Straße trat und drei weitere Jugendliche in den Tod schickte. Das Mordwerkzeug: Eine halbautomatische Glock17 – laut Polizei eine aufbereitete «Theaterwaffe» aus der Slowakei, bestellt im sogenannten Darknet. Von Waffenkundigen erfahre ich, dass eine solche «kastrierte» Pistole nur mit größtem Aufwand wiederhergestellt werden kann, wenn überhaupt. Selbst dann lässt sie nur Einzelschüsse zu, kein Dauerfeuer. Wo hat der erstaunlich zielsichere 18-Jährige – mit 57 Kugeln traf er neun Mal tödlich, 16 Menschen wurden verletzt – das Schießen und Töten überhaupt gelernt? Durch Computerspiele? Während eines Aufenthalts im Iran, wie manche Medien nun berichten? Eine Zeugin schwört, dass der Tote vor ihrem Haus Rechtshänder war – der Killer aber schoss mit links. Augenzeugen zu den tödlichen Minuten vor dem Schnellrestaurant finde ich keine – die McDonalds-Filiale ist komplett verrammelt, die Zentrale des Konzerns wimmelte mich telefonisch ab. Stattdessen begebe ich mich auf das berühmte Parkhausdach. Auf den vielen Videos von dort ist der mutmaßliche Täter kaum zu erkennen. Mit dem Schützen vor dem McDonalds hat der Typ kaum Ähnlichkeit. Körperbau und Gang passen nicht, der rote Rucksack ist nicht zu sehen. Umso merkwürdiger, dass die Bild-Zeitung plötzlich ein hochauflösendes Foto vom Parkdeck nachlieferte, das den Amokläufer allerdings nur von hinten zeigt. Jetzt passt scheinbar alles. Doch woher kommt dieses Foto? Warum nahm man nicht eins, dass sein Gesicht zeigt? Gerne hätte ich die Familie dazu befragt und sie gebeten, ihn auf den Videos zu identifizieren: Unmöglich. Sie alle werden nach Morddrohungen von der Polizei abgeschirmt.

COMPACT Spezial _ Ein mörderischer Sommer Auf einem der Videos vom Parkdeck sieht man, wie Ali seelenruhig umherschlendert und dann von der Polizei beschossen – und anscheinend sogar getroffen – wird. Der Mann in Schwarz hält sich den Bauch, während er hektisch das Weite sucht. Hier verliert sich seine Spur für mehr als zwei Stunden. Später wird es heißen, er habe es irgendwie geschafft, die Polizisten auszutricksen, versteckt in einer der vielen Tiefgaragen in der Nähe. Am nächsten Tag fahre ich ins Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Dort war am meisten geschossen worden, auch wenn es nur einen Toten gab – aber viele Verletzte. Was mir sofort auffällt: An Eingang jedes einzelnen der zwei Dutzend Geschäfte in Schussweite befinden sich Kameras. Was auch immer hier passiert ist, wurde lückenlos aufgezeichnet. Warum hat man der Öffentlichkeit bisher nicht einmal ein Standbild gezeigt, um zu verifizieren, ob es tatsächlich nur einen Täter gab, der das Blutbad anrichtete? Ich beschließe, in allen Läden rund um den Tatort nachzufragen, und beginne in der Parfümerie Douglas direkt vor den Rolltreppen zum Untergeschoss. Schon aus der Ferne sehe ich die abweisende Miene des Geschäftsführers. Als ich mich noch vorstelle, fällt er mir ins Wort: «Nein, wir geben keine Auskunft, ok?», raunt er. «Wissen Sie was hier los war?», fährt er mich an. «Nein», gebe ich zu, «deshalb bin ich ja hier». Das Gespräch ist beendet, ich werde des Ladens verwiesen. Diese Szene wiederholt sich in den nächsten Stunden etwa 20 Mal. Ein junger Typ, Mitarbeiter in einem Café ganz in der Nähe, will gerade ansetzen, als sein Chef ihn beiseite schiebt: «Wir äußern uns nicht dazu.» Als ich das Gespräch mit dem Leiter eines Modegeschäfts beginne und ihn frage, ob er etwas gesehen hat, blickt er mich schweigend an. «Ich war hier», sagt er und wirkt dabei wie traumatisiert. Als ich ihn frage, was er gesehen hat, flackert unverkennbar Angst in seinen Augen auf, die Mundwinkel zittern. «Ich kann dazu nichts sagen.» – «Kann nicht, will nicht oder darf nicht?», frage ich frech. Er antwortet nicht. Ich bin schon fast wieder weg, da höre ich ihn flüstern: «Ich kann nur sagen, es war anders, aber mehr…» Er verstummt. Der Tote von der Isar Ich beschließe, zur nahegelegenen Henckystraße zu laufen, wo sich der angebliche Amokläufer erschossen hat. Hier treffe ich Gabriele M., die genau gesehen haben will, wie er abdrückte. Als ich mir im achten Stock zeigen lasse, von wo genau sie alles beobachtet hat, stelle ich verdutzt fest, dass Bäume die Sicht auf den Tatort verdecken. von McDonalds und vom OEZ-Parkhaus war ganz in Schwarz. Wie passt das zusammen? Auffällig ist: Stunden bevor die Polizei den Selbstmord in der Henckystraße gemeldet hatte, wollte sie die Leiche des Attentäters «in einer Nebenstraße an der Isar» gefunden haben, ebenfalls mit einem Kopfschuss. Das meldete der Radiosender RTF1 mit Bezug auf eine Pressekonferenz der Polizei um 22:35 Uhr. Man beachte: Die Isar ist fünf Kilometer von der Henckystraße entfernt. Und: Von diesem Toten war später nie mehr die Rede. Wäre interessant zu wissen, was er für ein T-Shirt trug… Die Polizei versuchte die Sache mit dem Kleiderwechsel von Ali später damit zu erklären, dass es eine «Eigenart» von ihm gewesen sei, zwei T-Shirts übereinander zu tragen… Der Tote in der Henckystraße trägt ein blaues T-Shirt, der Schütze auf den Videos ein schwarzes. Noch etwas lässt mich daran zweifeln, dass der tote Deutsch-Iraner der Mehrfachmörder von McDonalds und OEZ war: Der Schütze auf den Videos ist Linkshänder. Doch Maria S., eine Anwohnerin in der Henckystraße, schwört mir gegenüber Stein und Bein, dass sie gesehen hat, wie die Polizei dem Selbstmörder die Waffe aus der rechten Hand nahm. Falsche Spuren Dank Internet wurde die offizielle Version von vielen Menschen sehr schnell angezweifelt. Einige der umstrittenen Punkte konnten aber geklärt werden. Geister-Video: In dem Clip, der die Schüsse vor McDonalds zeigte, sah es für viele so aus, als ob der Täter aus dem Nichts ins Bild springt – sie vermuteten, er sei nachträglich eingebaut worden. Doch eine Recherche von Fachleuten bei quer-denken.tv bewies: Das war nur bei schlecht aufgelösten Kopien der Fall, nicht im Original-Video. Falsche Schuhe: Es kursierte ein Foto des Selbstmörders, das ihn mit weißen Schuhen zeigt – nicht mit schwarzen wie auf den Videos. Doch das Bild stammt vom April 2016. Falsche Fotos: Einige besonders blutrünstige Aufnahmen waren Jahre alt und stammten nicht aus dem OEZ, sondern aus einem südafrikanischen Einkaufszentrum nach einem Feuerüberfall. Von seinem Balkon aus konnte Thomas Salbey – hier mit COMPACT- Redakteur Marc Dassen – das Olympia-Einkaufszentrum sehen. Foto: COMPACT Auf Videos und Bildern erkennt man, dass der Mann, der da in seinem Blut liegt, ein blaues T-Shirt mit weißer Aufschrift trägt. Aber der Täter 47

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