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COMPACT-Spezial "Asyl unsere Toten"

Asyl, Unsere Toten Unsere Toten, Unsere Trauer

62 In

62 In Villingen-Schwenningen forderten am 24. Januar 2016 rund 1.300 Russlanddeutsche unter anderem «Respekt für deutsche Kultur». Foto: picture alliance/dpa Dawai Nemzy! * Demonstrationen von Russlanddeutschen gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung Ende Januar 2016. Osnabrück Gütersloh Hamburg Berlin Neustadt an der Aisch Erlangen Crailsheim Nürnberg Pforzheim Rastatt Ansbach Ortenau Ellwangen Lahr Schwäbisch Augsburg Gmünd Villingen-Schwenningen * Los, Deutsche! Quelle: COMPACT-Recherche Doch Lisa schwieg. Ihr Schmerz, ihre Angst waren vielleicht zu groß. Vielleicht begannen zu diesem Zeitpunkt die Schulprobleme. Wahrscheinlich brach sie an jenem 11. Januar 2016 einfach zusammen. Lisa floh zu ihrem Freund und dessen Mutter. Dort wurde sie offenbar aufgenommen. «Aber dass ich dann nicht mal den Versuch unternehme, die Eltern des Mädchens zu unterrichten, obwohl ich weiß, die machen sich Sorgen, das ist mir total merkwürdig», wundert sich Anwalt Danckwardt. In ihrem Trauma vermischte Lisa nun die Ereignisse. Möglicherweise fürchtete sie die Reaktion der Eltern, eventuell konnte sie zwischen Oktober 2015 und Januar 2016 selbst nicht mehr unterscheiden. Vielleicht bergen die 30 Stunden ihres Verschwindens noch dunkle Geheimnisse. Immerhin bescheinigte ein weiterer Anwalt der Familie, Roman Igler, Lisa nach ihrer Rückkehr in der Berliner Zeitung «starke Hämatome am Körper». Eine Spontandemonstration von Russlanddeutschen verbot die Berliner Polizei. Nach einigen Tagen sickerten Informationen über den Fall an die Öffentlichkeit durch. Lisas Tante Marina gab dem russischen Fernsehen ein Interview. Der Sender berichtete in alarmistischem Ton, beging handwerkliche Fehler – aber im Kern referierte er den damals bekannten Stand. Denn Berlins Polizei deckelte den Fall zunächst. Lisas Familie «schien, dass die Beamten lediglich darauf aus waren nachzuweisen, dass überhaupt kein Verbrechen vorlag», so Alexander Reiser vom Berliner Spätaussiedler-Verein Vision gegenüber der Berliner Woche. Tante Marina sagte dem russischen Radiosender RSN, die Familie fürchte, das Jugendamt könnte ihr Lisa wegnehmen. Eine Spontandemonstration von Russlanddeutschen verbot die Polizei. Am 18. Januar 2016 gab die Behörde eine dürre Pressemeldung heraus. Demnach sei das Mädchen lediglich «kurzfristig als vermisst» gemeldet worden. Aufgrund des Persönlichkeitsrechts werde man keine weiteren Angaben machen. Diese Schmallippigkeit mehrte erst recht Zweifel an der Darstellung – nur zwei Wochen zuvor hatte Kölns Polizei versucht, den Grapscher-Mob vom Hauptbahnhof zu vertuschen. Die Nazikeule Nun lief die Propagandamaschine der Systempresse warm. Von einer «angeblichen Vergewaltigung» schwadronierten Berlins Lokalmedien umgehend – obgleich Lisas Aussage zu diesem Zeitpunkt durchaus glaubhaft klang. Zeitungen und TV-Sender griffen zum bewährten Instrument. Die Abendschau des gebührenfinanzierten RBB bemühte nach einer Demonstration von Russlanddeutschen vor dem Kanzleramt am 23. Januar Verfassungsschutz-Chef Bernd Palenda. Der wollte gemeinsames Handeln mit Neonazis ausgemacht haben. Kurze Zeit später meldete das Berlin Journal hingegen: «Nur zehn polizeibekannte Rechtsextremisten wurden an diesem Nachmittag gezählt.» Die Kundgebung umfasste jedoch mehrere Tausend Demonstranten. Die Berliner Zeitung unterstellte Lisas Mutter kaum verhohlen, aus politischen Gründen zu lügen. Sie «teilte auch einen Aufruf zu einer Pegida-nahen Demo im März in Berlin unter dem Motto ”Wir sind das Volk, Merkel muss weg.”»

COMPACT Spezial _ Die Angst der Frauen Weshalb konnte der Fall derartige Emotionen in der russlanddeutschen Gemeinde auslösen? Vielleicht, weil sie das Weltbild der multikulturellen Realitätsverweigerer noch nicht verinnerlicht haben. Ihre eigene Migrationsgeschichte macht viele Russlanddeutsche besonders sensibel für den Merkelschen Willkommenswahn. «Viele Russen sind auch hierhergekommen», sagte Kostja, der bei Frankfurt wohnt und ebenfalls vor dem Kanzleramt demonstrierte. «Ich bin mit meinen Eltern herumgelaufen, wir haben darauf geachtet, dass wir bloß nicht bei Rot die Straße überquerten. Wir sind hergekommen und haben uns langsam und vorsichtig umgesehen – was und wie, wo gibt es Arbeit. Die kommen einfach hierher und Frau Merkel gibt ihnen alles: Wohnungen und so weiter. Dabei spucken sie auf alles.» «Die kommen einfach hierher, und Frau Merkel gibt ihnen alles.» Ihren Siedepunkt erreichte die Stimmung auch, weil Lisas Vergewaltigung keinesfalls ein Einzelfall ist. Im Gegenteil: Immer wieder begehen Asylbewerber und muslimische Migranten brutale Sexualstraftaten. Zur gleichen Zeit, als die Lügenpresse in jenen Tagen in Berlin auf eine «erfundene Vergewaltigung» hoffte, wurde in Kiel eine junge Frau «von drei Männern südländischen Aussehens verfolgt, (…) hinter einen Sicherungskasten gezogen und gegen ihren Willen angefasst», wie die örtliche Polizei angab. In Lehrte verfolgten zwei Männer eine 25-Jährige und forderten sie auf, «die Beine breit zu machen». Einer der Täter hatte nach Polizeiangaben einen «etwas dunkleren Teint». Auch die Polizei in Nordstadt ermittelte Ende Januar wegen einer versuchten Vergewaltigung. «Der deutsch und arabisch sprechende Gesuchte» ließ von seinem Opfer ab, nachdem er von einer Personengruppe gestört wurde. Im hessischen Friedberg entging eine 48-Jährige nur durch heftigen Widerstand einer Vergewaltigung durch zwei Männer, die «sich auf Arabisch unterhalten» hätten. Putin ist Schuld Die Nazikeule schüchterte die Russlanddeutschen nicht ein, die Proteste wurden größer – auch in anderen Städten gingen mittlerweile Tausende auf die Straße. Nachdem Moskaus Außenminister Sergej Lawrow das Thema auf seiner dreistündigen Neujahrs-Pressekonferenz kurz ansprach, mutierte Lisas Schicksal zur angeblichen Kreml-Kampagne. Von «Russen-Propaganda» schrieb die Bild-Zeitung. Der einstige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert witterte die Gelegenheit für eine Verschwörungstheorie. In der Wirtschaftswoche vom 30. Januar hielt er es «nicht für ausgeschlossen, dass der russische Geheimdienst den Begriff ”Lügenpresse” in Deutschland verbreitet hat». Selbstkritische Töne waren selten. «Leider ist diese [russische] Propaganda so erfolgreich, weil es einen massiven Vertrauensverlust bei uns gibt, in Politik, Medien, Polizei und Justiz. Daran sind wir selbst schuld, nicht Moskau», betonte allerdings selbst der als Putin-kritisch bekannte Journalist Boris Reitschuster im Focus. Doch gab es die angebliche Kreml-Propaganda im Fall Lisa überhaupt? Anwalt Danckwardt gab Medien aus beiden Ländern Interviews. «Das russische Fernsehen hat meine Äußerungen jedenfalls ungeschnitten und im Originalton gesendet, teilweise sogar live. Das ZDF-Morgenmagazin hingegen hat es fertiggebracht, meine Aussagen so zu schneiden, dass sie in ihr Gegenteil verdreht wurden», sagte er der Jungen Welt. Tatsächlich hatte Berlins Staatsanwaltschaft mittlerweile endlich eingeräumt, dass Lisa sexuell missbraucht wurde – wenn auch zu einem anderen Zeitpunkt. Doch die Medien geiferten trotzdem weiter und sprachen von «Vergewaltigungslüge» (Berliner Zeitung). «Es gab weder eine Vergewaltigung noch Sex», beschwichtigte der Berliner Kurier. Der Tagesspiegel käute erneut die Darstellung wider, «vor dem Verschwinden des Mädchens sei es eventuell zu einvernehmlichen Sexualkontakten gekommen». Wie es Lisa geht, fragte keiner der Schmierenjournalisten. Dass ihre Peiniger vom Oktober 2015 in Untersuchungshaft säßen, ist dagegen nicht bekannt. Erst im Februar 2017 erhob Berlin Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen nun 23-Jährigen. Der Vorwurf: Schwerer sexueller Kindesmissbrauch und Herstellung pornografischer Schriften. Putin ist immer schuld «Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass der russische Geheimdienst die sexuellen Massenübergriffe in der Silvesternacht inszeniert hat. (…) Hat Putin grüne Männchen auf die Kölner Domplatte entsandt? Nein. Aber vielleicht als syrische Flüchtlinge getarnte Anhänger seines Verbündeten Assad.» (Flensburger Tagblatt, 31.1.2016) Wladimir Putin. Foto: Kremlin.ru Nach massiven Problemen in den 1990er Jahren gelten die Russlanddeutschen heute als vorbildlich integriert. Foto: picture alliance / dpa 63

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